Wadersloh (mw/bb). Auf dem Wohnzimmertisch liegen ausgebreitete Unterlagen, versehen mit handschriftlichen Notizen und Markierungen. Es wird schnell deutlich: Die drei Gesprächsteilnehmer haben sich intensiv mit dem Windpark am Herzebrockweg, den Argumenten der Kritiker und den offenen Fragen rund um das Projekt beschäftigt. Die Atmosphäre ist ruhig und sachlich, der Wunsch, die eigene Position verständlich zu machen, spürbar. Durch das Wohnzimmerfenster der Familie Borgmann fällt der Blick auf eine sattgrüne münsterländische Landschaft, dazwischen das erste bunte Herbstlaub der Bäume. In der Ferne ist das wenige Kilometer entfernte Windrad am Herzebrockweg zu sehen. Der Blick auf das bestehende Windrad verbindet die Diskussion im Wohnzimmer ganz unmittelbar mit der Landschaft vor der Haustür.
Wenige Wochen vor dem ersten Bürgerentscheid in der Geschichte der Gemeinde Wadersloh meldeten sich die Befürworter des geplanten „Windparks am Herzebrockweg“ noch einmal zu Wort. Auf dem Hof der Familie Borgmann erläuterten Martin Borgmann, Theo Beumker und Michael Berlinghoff, warum sie weiterhin hinter dem Vorhaben stehen und welche Erwartungen sie an die Abstimmung am 3. Dezember haben. Die drei Gesprächsteilnehmer vertreten die Interessen der zwölf Grundstückseigentümerfamilien, auf deren Flächen die drei geplanten Windenergieanlagen entstehen könnten. Dabei ging es nicht nur um die Zukunft des Projekts, sondern auch um die Diskussion der vergangenen Monate, die Möglichkeiten einer finanziellen Bürgerbeteiligung und offene Fragen rund um die Energieversorgung.
Bewusste Zurückhaltung: Jetzt wollen die Eigentümer Position beziehen
Dass es in den vergangenen Monaten vergleichsweise ruhig um die Grundstückseigentümer und ihre Unterstützung für das Projekt geworden war, sei eine bewusste Entscheidung gewesen, erklärte Martin Borgmann. Man habe die Auseinandersetzung mit der „Bürgerinitiative für vernünftige Energiepolitik in Wadersloh“ nicht zusätzlich anheizen wollen. Nun, da der Bürgerentscheid näher rücke, wolle man allerdings deutlicher Position beziehen. Im Hintergrund sei die Arbeit keineswegs zum Erliegen gekommen. So habe es Gespräche mit den Ratsfraktionen gegeben, die zu einem Austausch bereit gewesen seien. Diese seien aus Sicht der Grundstückseigentümer konstruktiv verlaufen. Auch mit dem Projektierer „ProWind“ habe man sich regelmäßig abgestimmt. Die grundsätzliche Bereitschaft des Unternehmens, trotz der öffentlichen Diskussion an dem Vorhaben festzuhalten, sei für die Eigentümer ein wichtiges Signal.
Die Polarisierung der Debatte habe alle Beteiligten überrascht. Gleichzeitig sehe man im persönlichen Umfeld und in Gesprächen mit anderen Menschen weiterhin viele, die dem Projekt positiv gegenüberstünden. Der Bürgerentscheid werde deshalb auch als Chance verstanden, ein breiteres Stimmungsbild aus der Gemeinde Wadersloh zu erhalten. Unabhängig vom Ausgang sei es wichtig, dass anschließend Klarheit herrsche. Sollte sich eine Mehrheit gegen das Projekt aussprechen, müsse man das Ergebnis akzeptieren. Fiele die Entscheidung zugunsten des Vorhabens aus, könne die weitere Planung auf den Weg gebracht werden.
„Windpark am Herzebrockweg“ statt Verwirrung um die Ortsbezeichnung
Ein besonderes Anliegen ist den Grundstückseigentümern die Bezeichnung des geplanten Windparks. In der bisherigen Diskussion seien die Ortsangaben Bornefeld, Wadersloh und Liesborn teilweise durcheinandergeraten. Die Eigentümer bevorzugen deshalb ausdrücklich die Bezeichnung „Windpark am Herzebrockweg“. Der Herzebrockweg bilde eine wichtige räumliche Orientierung und markiere in diesem Bereich auch die Grenze. Die Lage des geplanten Vorhabens lasse sich anhand der Flurkarte nachvollziehen. Auch die Abstände zu den umliegenden Wohngebäuden und die möglichen Standorte der Anlagen seien dabei entscheidende Faktoren. In einem Punkt gebe es zwischen den Gesprächsteilnehmern und den Kritikern keinen grundsätzlichen Dissens: Die gesetzlich vorgeschriebenen Mindestabstände müssten eingehalten werden. Sollte sich im weiteren Verfahren herausstellen, dass einzelne Anlagen zu nah an einer Wohnbebauung geplant seien, müssten die Standorte entsprechend angepasst werden. Maßgeblich seien hierfür die Ergebnisse der erforderlichen Gutachten und Prüfungen. Die jetzt vorliegende Planung sei insofern noch nicht mit einer endgültigen Festlegung der Standorte gleichzusetzen.
Bürgerbeteiligung als wichtiger Baustein
Ein weiterer Schwerpunkt des Gesprächs war die finanzielle Beteiligung der Bevölkerung: Nach dem vorgestellten Modell soll das Eigenkapital für das Projekt zu 30 Prozent von „ProWind“ und zu weiteren 30 Prozent von den Grundstückseigentümern eingebracht werden. Die verbleibenden 40 Prozent sollen Bürgerinnen und Bürgern aus der Gemeinde Wadersloh zur Verfügung stehen. Gerade diesen Aspekt sehen die Grundstückseigentümer in der bisherigen öffentlichen Diskussion noch nicht ausreichend berücksichtigt. Die Beteiligungsmöglichkeit biete aus ihrer Sicht eine Chance, einen Teil der wirtschaftlichen Wertschöpfung in der Gemeinde zu halten. Ein vergleichbar strukturiertes Modell gebe es bereits bei einer Anlage im Raum Beckum-Vorhelm. Gleichzeitig räumten die Gesprächsteilnehmer ein, dass die Finanzierung und das aufzubringende Eigenkapital für alle Beteiligten eine Herausforderung darstellten. Mit dem Projekt sei durchaus ein wirtschaftliches Risiko verbunden. Dennoch wolle man an der bisherigen Konzeption festhalten und die Möglichkeit einer Beteiligung vor Ort stärker in den Mittelpunkt rücken.
Speicherlösungen bleiben ein wichtiges Thema
Auch die in der Auseinandersetzung häufig angesprochenen Fragen der Netzüberlastung und fehlender Speichermöglichkeiten kamen zur Sprache. Die Grundstückseigentümer sehen darin keinen Grund, das Vorhaben grundsätzlich infrage zu stellen. Vielmehr müsse parallel zum Ausbau der erneuerbaren Energien auch die Speicherinfrastruktur weiterentwickelt werden. Nach Angaben Borgmanns beschäftigt sich „ProWind“ inzwischen mit mehreren Mitarbeitenden intensiv mit möglichen Speicherlösungen. Grundsätzlich könnte ein Batteriespeicher im Bereich der bereits bestehenden Windenergieanlage der Gemeinde Wadersloh umgesetzt werden. Eine Hürde könnte aber ein geeigneter Standort dafür sein. Ob und in welcher Form eine solche Lösung wirtschaftlich umgesetzt werden könne, sei noch offen. Die grundsätzliche Bedeutung von Speichern werde jedoch weiter zunehmen. Auch die Möglichkeit, erzeugten Strom besser in das Netz einzuspeisen und zu nutzen, müsse bei der weiteren Entwicklung berücksichtigt werden.
Weitere Kritikpunkte aus der öffentlichen Diskussion, etwa der Abrieb durch die Anlagen oder die Auswirkungen auf das Stromnetz, hätten die Eigentümer ebenfalls aufgegriffen und sich mit entsprechenden Unterlagen beschäftigt. Als Vergleich führten sie unter anderem den Abrieb an, der auch durch den Straßenverkehr entsteht. Ihre Einschätzung: Viele der vorgebrachten Einwände ließen sich bei genauerer Betrachtung differenzierter bewerten. Entscheidend sei, dass Argumente anhand nachvollziehbarer Daten und Fakten geprüft würden.
„Gut, wenn aus Meinung auch Sachargumente werden“
Dass die Diskussion zuletzt teilweise sehr emotional geführt worden sei, bedauern die Gesprächsteilnehmer. Zugleich habe Martin Borgmann den Eindruck gewonnen, dass sich die Debatte zuletzt wieder etwas versachlicht habe. Insbesondere die Stimmung im Ratssaal sei zuletzt sachlicher gewesen. „Gut, wenn aus Meinung auch Sachargumente werden“, fasste er seine Einschätzung zusammen. Den Grundstückseigentümern gehe es darum, sich weiterhin mit belegbaren Fakten in die Diskussion einzubringen. Dass Windenergieanlagen das Landschaftsbild verändern, sei dabei ein Argument, das man durchaus nachvollziehen könne. Andere Einwände seien aus ihrer Sicht dagegen nicht immer ausreichend belegt.
Grundsätzlich sehen die Gesprächsteilnehmer einen wachsenden Strombedarf und damit auch einen steigenden Bedarf an zusätzlichen Energiequellen. Die Entwicklung zeige sich nicht zuletzt im persönlichen Umfeld: Immer mehr Menschen beschäftigten sich angesichts steigender Energiepreise und der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen mit regenerativen Energien. Für die Grundstückseigentümer steht deshalb fest, dass sie sich auch in den verbleibenden Wochen vor dem Bürgerentscheid weiter für das Projekt einsetzen wollen. Die Abstimmung am 3. Dezember soll aus ihrer Sicht eine klare Entscheidung ermöglichen. Danach müsse unabhängig vom Ergebnis der Blick nach vorn gerichtet werden.
Foto/Text: B. Brüggenthies


