Stromberg (mw/bb). Manche Lieder muss man nur wenige Takte lang hören, und schon sind die Bilder wieder da. Szenen aus einem Lieblingsfilm, Erinnerungen an einen Kinobesuch oder einfach ein Gefühl, das man längst vergessen glaubte. Genau davon lebt die Musik aus Filmen und Musicals. Bei der Konzertreihe „Harmony in History“ in der Alten Vikarie in Stromberg wurde daraus an vier Abenden im Oktober ein Konzerterlebnis, das offenbar Jahr für Jahr einen Nerv trifft: Alle vier Veranstaltungen waren restlos ausverkauft. Nach der erfolgreichen Premiere in 2023 und seitdem regelmäßig kehrte das Kultur-Format damit auch 2026 zurück. Das Konzept ist geblieben, auf der Bühne gab es allerdings eine neue Besetzung. Kristin Spaniel, Charlotte Skrobski, Christina Köller, Tobias Ansell, Michael Köller und Raúl Huesca Valverde nahmen das Publikum mit in die Welt bekannter Musical- und Filmmelodien. Am Klavier begleitete Jonathan Rochol das Ensemble durch das gesamte Programm.
Wenn Musik Geschichten erzählt…
Das Genre Filmmusik hat einen entscheidenden Vorteil: Oft braucht es nur die ersten Töne, um eine ganze Geschichte vor Augen zu haben. Ein guter Song funktioniert aber auch losgelöst von seiner ursprünglichen Szene. Dann kommt es darauf an, wie die Stimmen eine Melodie gestalten und welche Gefühle sie darin zum Ausdruck bringen. Genau hier setzt „Harmony in History“ an. Das Programm lebte auch in de 2026-er Fassung vom Wechsel zwischen den ruhigen Passagen und den großen musikalischen Momenten, für die Musicals bekannt sind.



Die sechs Sängerinnen und Sänger gestalteten die Stücke gemeinsam und in unterschiedlichen Konstellationen. So blieb die Reise durch die verschiedenen Film- und Musicalwelten abwechslungsreich. Für Langeweile blieb Zeit und das Format böte auch gar keinen Anlass dazu. Die Musikerinnen und Musiker leben un lieben Filmmusik und Muscials – das hörte man und das klang nach! Jonathan Rochol bildet am Klavier das musikalische Rückgrat des Ensembles. Seine Begleitung gab den Stimmen Halt, ließ ihnen aber zugleich Raum, sich zu entfalten. Bei einem Programm, das von Balladen bis zu kraftvollen Ensemblenummern reicht, kommt es auf dieses Zusammenspiel an. Das Klavier ist hier nicht bloß Begleitung, sondern ein wesentlicher Teil des musikalischen Geschehens.
Die „Alte Vikarie“ spielt mit
Dass „Harmony in History“ ausgerechnet in der „Alten Vikarie“ stattfindet, ist kein nebensächliches Detail. Das historische Fachwerkhaus gehört längst selbst zum Konzept. Wer hier ein Konzert besucht, sitzt nicht mit großem Abstand vor einer weit entfernten Bühne. Musiker und Publikum sind nah beieinander. Man erlebt die Stimmen unmittelbar, ohne dass eine große Halle oder eine aufwendige Bühnenshow dazwischenliegt. Selbst auf technische Stimmverstärkung wurde bewusst verzichet. Diese Nähe verändert auch den Blick auf bekannte Songs. Sie müssen nicht noch größer inszeniert werden, als sie ohnehin sind. Es reicht, wenn die Musik für sich spricht. Der Tennenraum mit seiner besonderen Akustik und das alte Gemäuer gaben den Konzerten dabei einen Rahmen, der sich von einem gewöhnlichen Konzertsaal unterscheidet.

Die Stromberger Vikarie ist ohnehin ein Ort, an dem Geschichte und Gegenwart zusammenkommen. Nach dem verheerenden Brand von 1995 wurde das Gebäude mit großem Einsatz wiederaufgebaut. Dass hier heute Konzerte stattfinden, ist auch dem Engagement der Menschen zu verdanken, die das Haus erhalten und mit Leben füllen. Bei „Harmony in History“ wird dieser Gedanke besonders greifbar: Ein historisches Gebäude wird nicht nur bewahrt, sondern genutzt und immer wieder neu erlebt. Was für eine eindrucksvolle Geschichte!
Vier Konzertabende, viermal ausverkauft
Die Termine am 9., 11., 23. und 25. Oktober waren allesamt ausverkauft. Das ist mehr als eine erfreuliche Zahl für die Veranstalter. Es zeigt, dass ein Konzertformat auch ohne große Bühne und aufwendige Produktion sein Publikum finden kann. Entscheidend ist, was auf der Bühne passiert und wie gut der Ort dazu passt. Die Verantwortlichen von „Harmony in History“ beschrieben es als besonderes Privileg, die „Alte Vikarie“ für einige Abende in einen Raum voller Musik verwandeln zu dürfen. Die Nähe zum Publikum mache das Erlebnis aus. Einen solchen Rahmen könne auch ein großer Konzertsaal nur schwer ersetzen.

Zum Gelingen gehören dabei nicht nur die Musikerinnen und Musiker. Auch hinter den Kulissen braucht es Menschen, die sich um Organisation, Technik, Beleuchtung und Bewirtung kümmern. Die Veranstalter bedankten sich deshalb ausdrücklich bei der Trägerschaft der „Alten Vikarie“ und allen Helferinnen und Helfern aus dem Freundes- und Bekanntenkreis. Alles das wird im Ergebnis zu einem 120-Minuten-Gänsehausmoment. Eine musikalische Abenteuerreise, die durch Raum und Zeit führte und zeigt, wie wertvoll „analoge“ Kultur heute geworden ist.
Wenn der letzte Ton verklungen ist
Was bleibt noch zu sagen, nach so einem gefühlvollen und erfüllenden Konzerterlebnis? Es sind die Melodien, die man mit nach Hause nimmt, und die Geschichten, die man beim Zuhören wiederentdeckt. Vielleicht ist es gerade das, was Filmmusik und Musical so zugänglich macht? Sie verbinden Musik mit Erinnerungen, die jeder auf seine eigene Weise mitbringt. „Harmony in History“ führte diesen Gedanken mit seinem besonderen Veranstaltungsort zusammen. Die einzigartige Verbindung funktioniert. Und vielleicht ist das der schönste Nebeneffekt dieser Konzertreihe: Während auf der Bühne Geschichten aus Film und Musical erzählt werden, schreibt das Haus seine eigene Geschichte weiter.
Tipp für „Harmony in History“ 2027: Nehmen Sie zu den Konzerten jemanden mit, der Ihnen nahesteht. Denn bei „Harmony in History“ werden Sie vermutlich nicht nur gemeinsam der Musik lauschen, sondern anschließend auch viele Erinnerungen und nostalgische Momente miteinander teilen wollen.
Konzertkritik & Fotos: B. Brüggenthies



