Oelde (mw/bb). Schon am frühen Morgen füllen sich die Flure der Gesamtschule Oelde an der Bultstraße mit Stimmen, Gesprächen und erwartungsvollen Gesichtern. Aus allen Richtungen treffen Menschen ein. Sängerinnen und Sänger, Chorleiterinnen und Chorleiter, Musikbegeisterte aus der gesamten Region. Manche kommen als Teil eines Chores, andere allein. Was sie verbindet, ist die Leidenschaft für Musik und der Wunsch nach einem besonderen Gemeinschaftserlebnis. Das Chorfest Oelde 2026 feierte Ende Juni Premiere und wird zu einem (zugegeben sehr heißen) Tag, der zeigt, welche Kraft gemeinsames Singen entfalten kann.
Organisiert wurde das außergewöhnliche Ereignis vom Mehrgenerationen-Chor Diestedde (MGC) unter dem Dach des Musikvereins Musikus Diestedde e.V. Anlass war nicht nur die Idee, Chormenschen aus der Region zusammenzubringen, sondern auch ein besonderes Jubiläum: Der Mehrgenerationen-Chor aus dem Oelder Nachbardorf blickt auf zehn Jahre gemeinsames Singen, zahlreiche Auftritte und unzählige Begegnungen zurück. Was einst als „kleines“ Schulprojekt im Rahmen einer besonderen Lernleistung am Johanneum Wadersloh begann, ist längst zu einer großen musikalischen Familie geworden.




„Der Mehrgenerationen-Chor ist entstanden unter meiner besonderen Lernleistung im Fach Musik während meines Abiturs“, erzählt Chorleiter und Organisator Raúl Huesca Valverde aus Oelde-Stromberg. „Die Idee war, Generationen durch Musik zu verbinden. Und dieser Gedanke geht seit zehn Jahren auf.“
Aus den damaligen rund 50 Sängerinnen und Sängern ist inzwischen eine Gemeinschaft mit etwa 120 Mitgliedern geworden. Eine Gemeinschaft, die an diesem Chorfest-Tag nicht nur Gastgeber ist, sondern überall sichtbar wird: Beim Empfang der Gäste, bei der Organisation, bei der Betreuung der Workshops oder bei der Verpflegung. Und viele machen auch einfach selbst mit.

Wenn aus vielen Stimmen eine Gemeinschaft wird
Stück für Stück füllen sich die Räume der Gesamtschule Oelde. Die Aula, die Flure und die Workshopräume erwachen zum Leben. Überall entstehen Gespräche, erste Begegnungen und musikalische Momente. Es ist der erste Tag dieser Art in Oelde. Ein Chorfest, das nicht nur ein Programm bieten möchte, sondern ein Gefühl. Ein Gefühl von Zusammengehörigkeit.
Schon beim gemeinsamen Warm-up mit Dr. Richard Filz, der sage und schreibe aus 1.000 Kilometern Entfernung anreiste, wird deutlich, dass dieser Sommertag im Juni anders werden soll. Menschen, die sich zuvor nicht kannten, bewegen sich gemeinsam, reagieren aufeinander, lachen miteinander und erleben, wie schnell aus einzelnen Stimmen ein gemeinsamer Klang entstehen kann.
„Der Richard Filz aus Österreich hat uns hier einfach zusammengebracht“, wird Raúl Huesca später berichten. „Man hat die grinsenden Gesichter gesehen. Und das ist das, was für mich immer das meiste gibt: Ich freue mich, wenn andere Leute sich freuen.“



Danach verteilen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf die verschiedenen Workshops. Und die Auswahl ist so vielfältig wie die Chorszene selbst: Von Vocal Painting über Body Percussion und Beatboxing bis hin zu Gregorianischem Choral, Stimmbildung oder Popgesang reicht das Angebot. Anfänger treffen auf erfahrene Sängerinnen und Sänger, Kirchenchöre begegnen Popchören, unterschiedliche Generationen arbeiten gemeinsam an Klang, Rhythmus und Ausdruck.
Thomas Quast nahm die Teilnehmenden mit auf eine musikalische Reise durch das Neue Geistliche Lied (NGL) und gab persönliche Einblicke in die Entstehung seiner Kompositionen. Beatboxer Johannes Jäck zeigte, wie moderne Vocal Percussion Chorsätze bereichern kann und wie sich mit wenigen Techniken beeindruckende Grooves erzeugen lassen. Adrian Goldner arbeitete mit den Sängerinnen und Sängern intensiv an Stimmtechnik, Klangfarbe und einem homogenen Chorklang. Einen Kontrast dazu setzte Bernhard Ratermann, der die Teilnehmenden in die faszinierende Welt des Gregorianischen Chorals einführte und dessen meditative Wirkung erlebbar machte. Popkantor Hans Werner Scharnowski schließlich lud unter dem Motto „Einfach mal singen!“ dazu ein, mit leicht zugänglichen Pop- und Gospel-Stücken die Freude am gemeinsamen Musizieren in den Mittelpunkt zu stellen.


Im Workshop „Vocal Painting“ mit Larissa Kotzwander entsteht Musik aus dem Moment heraus. Ohne klassische Noten, sondern durch Gestik, Kommunikation und gegenseitiges Zuhören. Die Teilnehmenden lernen, aufeinander zu reagieren und gemeinsam etwas Neues entstehen zu lassen. Beim Workshop von Richard Filz wird der Körper selbst zum Instrument. Klatschen, Stampfen und rhythmische Bewegungen verbinden die Gruppe und zeigen, wie viel Energie in gemeinsamer Rhythmusarbeit steckt. Was beim Warm-Up schon glänzend gelang, setzt sich nahtlos in zwei weiteren Workshops fort. Jeder Workshop eröffnet eine neue Perspektive auf das Thema Stimme. Und genau das war die Idee hinter dem Chorfest.
„Es geht vor allen Dingen darum, neue Impulse für Chorsängerinnen und Sänger zu geben, neue Gesangstechniken zu lernen und den Horizont zu erweitern“, erklärt Raúl Huesca. „Von Gregorianik bis hin zu Beatboxen ist alles dabei. Für Popchöre genauso wie für Kirchenchöre.“


Ein verbindenden (Musik-) Fest trotz großer Hitze: Es ist einer der heißesten Tage des Jahres. In den Klassennräumen brummen Ventilatoren, in einem Workshop sorgt eine ratternde Klimaanlage für etwas Abkühlung. Kleine Handfächer, Taschenventilatoren und sogar ein Gerät mit Wassernebel werden zu willkommenen Helfern an dem Samstag. Doch die Hitze kann die Begeisterung nicht bremsen. Die Workshop-Leitungen geben alles, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bleiben aufmerksam und motiviert. Die Atmosphäre bleibt besonders. Es wird gelernt, gelacht und ausprobiert. Es geht nicht darum, perfekt zu sein. Es geht darum, gemeinsam (Chor-) Musik zu erleben.
Hinter den Kulissen: Ein Event mit enormem Aufwand und viel Liebe zum Detail
Was die Besucherinnen und Besucher kaum sehen: Hinter diesem Tag steckt monatelange Planung, unzählige Stunden Arbeit und ein Organisationsaufwand, der weit über die reine Programmgestaltung hinausgeht. Räume mussten geplant, Workshop-Gruppen eingeteilt, Technik organisiert, Verpflegung vorbereitet, Helfende koordiniert und Abläufe abgestimmt werden. Selbst die Verlegung des Veranstaltungsortes von der Axtbachhalle zur Gesamtschule Oelde wurde detailliert vorbereitet, damit kurze Wege zwischen Workshops, Aufenthaltsbereichen und Konzert möglich waren. Der Anspruch des Organisationsteams war hoch, nahezu perfektionistisch. Und das spürt man.
„Es war sehr arbeitsintensiv, es hat aber auch sehr viel Freude gemacht, das zu planen und auszuschmücken“, sagt Chorsprecherin Frauke Hille. Besonders die vielen kleinen Details machten den Unterschied: Die Raumplanung, die Betreuung der Teilnehmenden, die Organisation des Anmeldeprozesses, Dekoration, Getränke, Technik und die vielen Helfenden im Hintergrund. „Jede Sparte vom Organisationsteam hat da sehr viel Spaß dran gehabt“, erzählt Hille.
Dass dieser Aufwand funktioniert hat, zeigt sich am Veranstaltungstag überall. Viele Mitglieder des Mehrgenerationen-Chores sind gleichzeitig Gastgeber, Ansprechpartner und Helfer. Sie sorgen dafür, dass alles läuft. Selbst ein paar Gartenpools werden zum erfrischenden Fußbad auf dem Schulhof. „Dieser Tag könnte niemals umgesetzt werden ohne diese Chorsängerinnen und Sänger“, betont auch Raúl Huesca.
Der Moment, in dem alle einfach nur singen
Nach einem langen Tag voller Workshops und neuer Eindrücke kommt am Nachmittag ein besonderer Moment: Das offene gemeinsame Singen. Larissa Kotzwander sitzt am Klavier, spielt die ersten Töne und nach und nach stimmen alle ein. Die Texte erscheinen auf der großen Leinwand. Hunderte Menschen schauen nach vorne und singen gemeinsam. Für einen Augenblick verschwinden die Anstrengungen des Tages. Keine Rollen, keine Unterschiede, keine einzelnen Gruppen.
Nur Musik.
Ein gemeinsamer Klang.
Es ist genau der Moment, für den dieses Chorfest in Oelde geschaffen wurde.

Ein Abschluss mit Gänsehaut
Nach der Danksagung und der Übergabe kleiner Präsente, unter anderem an die Sparkassenstiftung der Sparkasse Münsterland Ost als Unterstützerin des Projekts, folgt am Abend der musikalische Höhepunkt: Die A-cappella-Band ANDERS bringt die Aula der Gesamtschule Oelde zum Klingen. Auch Menschen, die nicht am gesamten Chorfest teilgenommen haben, kommen hinzu, um den Konzertabend zu erleben. Und wieder zeigt sich, worum es an diesem Tag ging: Gemeinschaft, Offenheit und die verbindende Kraft der Musik.
Norbert Göbel, Vorsitzender des Musikvereins Musikus Diestedde, zieht ein durchweg positives Fazit: „Wir sind richtig stolz und überglücklich, dass es heute trotz des warmen Wetters so toll funktioniert hat. Wir haben so viel Lob bekommen. Es war das erste Chorfest, das wir veranstaltet haben und was wir daraus mitnehmen, ist einfach toll.“




Auch Chorsprecherin Frauke Hille sieht das Ziel erreicht: „Wir wollten einen Tag schaffen, an dem man sich begegnen kann, an dem Sängerinnen und Sänger miteinander einen wunderschönen Tag haben und diese Liebe am Singen miteinander teilen. Ich würde sagen: Das Ziel ist voll erreicht.“
Raúl Huesca muss nicht lange nachdenken und findet schnell die richtigen Worte: „Also, was wir hier schaffen und was wir hier gemeinsam an einem Strang ziehen, das ist etwas ganz Besonderes für mich. Das ist für mich die Musik, die das hier so verbindet und die das so richtig und wichtig macht hier für uns. Chor singen ist einfach für mich Familie. Es ist meine Familie.“
Die Hoffnung auf eine baldige Fortsetzung
Am Ende bleibt die Frage: War dies nur eine Premiere oder der Beginn einer neuen Tradition? Die Zeichen stehen gut!Das Chorfest Oelde 2026 – darin sind sich alle einig – hat gezeigt, was passiert, wenn viele Menschen ihre Stimmen zusammenbringen. „Ich würde mich sehr freuen, wenn wir so etwas noch einmal realisieren können“, sagt Raúl Huesca. „Vielleicht alle zwei oder drei Jahre. Ich hoffe, dass die Menschen, die heute hier waren, das weitertragen.“
Für den MGC Diestedde geht es im Jubiläumsjahr noch auf große Fahrt: In Kürze geht es nach Italien, über Verona und Assisi nach Rom. Dort wird es verschiedene Auftritte, unter anderem im Petersdom und in Assisi, geben. Und für Anfang 2027 plant der Mehrgenerationen-Chor schon ein neues Konzert.
Und wenn man sich so die Abkürzung „MGC“ näher ansieht: Da steckt irgendwie auch das Wort „Magic“ drin. Vielleicht lässt sich so der große Erfolg des kleinen Chores aus dem Nikolausdorf Diestedde erklären:
Es ist einfach Magie!
Fotos/Text: B. Brüggenthies



