Wadersloh/Lippstadt (mw/bb). Eine kurze Mitteilung, ein Dankeschön an die Leserinnen und Leser, ein paar persönliche Zeilen. Und dann die fast schon nüchern wirkende Information: Nach mehr als 40 Jahren ist Schluss. Die „Lippstadt am Sonntag“ stellt ihre Produktion ein. Am 1. November erschien in unserer Nachbarschaft die letzte Ausgabe der kostenlos verteilten Zeitung, die auch im Gemeindegebiet Wadersloh gerne gelesen wurde. Steigende Kosten für Druck, Papier, Transport und Mindestlohn bei gleichzeitig sinkenden Erlösen hätten die Einstellung der „Lippstadt am Sonntag“ notwendig gemacht, heißt es in der Abschiedsmitteilung von Verlag und Redaktion. Eine Entscheidung, die man zunächst einmal respektieren muss. Und die nachdenklich macht. Vor allem, wenn man – so wie ich – selbst Herausgeber eines lokalen Nachrichtenmediums ist.
Mit der „Lippstadt am Sonntag“ verschwindet nicht einfach nur ein weiteres Printprodukt vom Markt. Es verschwindet ein Stück regionaler Medienvielfalt. Eine Möglichkeit, das Geschehen vor der eigenen Haustür regelmäßig und gebündelt wahrzunehmen. Für viele Menschen gehört eine gedruckte Zeitung morgens zum Frühstück und zum persönlichen Alltag dazu. Ich selbst lese inzwischen aus Nachhaltigkeitsgründen nur noch wenig Print. Aber daraus lässt sich keineswegs ableiten, dass gedruckte Zeitungen für andere Menschen an Bedeutung verloren hätten. Als freier Mitarbeiter der „WDL aktuell“ (Fleiter Media) trage ich selbst jeden Monat regionale Beiträge bei, um Menschen bei uns in Wadersloh mit wichtigen Nachrichten zu versorgen. Auch diese werbefinanzierte Publikation wird kostenlos verteilt und gehört für viele Wadersloherinnen und Wadersloher seit Jahrzehnten einfach dazu. Meine eigene Online-Zeitung „Mein Wadersloh“, die ich als selbstständiger Einzelkämpfer betreibe, ist ein digitales Tageszeitungs-Medium, aber auch hier ist eine Refinanzierung zunehmend schwieriger geworden, vor allem, wenn sie nicht über Werbung finanziert wird. Umso nachdenklicher macht mich die Einstellung der „Lippstadt am Sonntag“.
Lokaljournalismus ist keine Frage des Formats. Er ist eine Frage der Bedeutung
Ob gedruckt oder digital: (Hyper-) Lokale Medien erfüllen eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe. Sie berichten über das, was direkt vor unserer Haustür passiert. Sie machen sichtbar, was Vereine, Schulen, Unternehmen, Initiativen und die Menschen vor Ort bewegen. Sie begleiten kommunalpolitische Entscheidungen, fragen nach, ordnen ein und dokumentieren Veränderungen. Und sie geben auch denjenigen eine Stimme, die in den großen Nachrichtenangeboten der traditionellen Zeitungsverlage kaum vorkommen. Gerade in einer Zeit, in der die Digitalisierung unseren Medienkonsum grundlegend verändert, brauchen wir diese lokale Perspektive. Nachrichten sind jederzeit verfügbar. Das Smartphone liefert Meldungen aus aller Welt im Sekundentakt. Künstliche Intelligenz kann Texte produzieren, Algorithmen sortieren unsere Aufmerksamkeit und soziale Netzwerke von Tech-Giganten vermitteln den Eindruck, bestens informiert zu sein. Aber wer schaut eigentlich noch genau hin, was im eigenen Dorf, in der Nachbarschaft oder im Ratssaal an der Liesborner Straße passiert?
Digitalisierung bedeutet nicht automatisch mehr Information.
Und schon gar nicht automatisch mehr Lokaljournalismus!
Wenn lokale Redaktionen verkleinert, Zuständigkeiten zusammengelegt und ganze Medienangebote eingestellt werden, hat das Folgen. Termine bleiben unbesetzt, Recherche findet seltener statt, Themen werden nicht mehr in der notwendigen Tiefe begleitet. Wo früher jemand nachgefragt, Entwicklungen über Monate verfolgt oder auch einmal kritisch hingeschaut hat, entsteht irgendwann eine Lücke. Was nicht mehr recherchiert, fotografiert und veröffentlicht wird, findet im öffentlichen Bewusstsein häufig schlicht nicht mehr statt.
Ein Blick nach Köln zeigt, wohin diese Entwicklung führen kann: Dort erlebt der Lokaljournalismus gerade eine bemerkenswerte Zäsur. Das Medienhaus „DuMont“ hat innerhalb weniger Monate die journalistischen Strukturen seiner Zeitungslandschaft grundlegend verändert. Nach dem Ende der eigenständigen Redaktion der „Kölnischen Rundschau“ folgte die Schließung der Rheinischen Redaktionsgemeinschaft (RRG) zum 30. September 2026. Davon sind nach Angaben der Journalisten-Gewerkschaft DJV-NRW 63 Lokalredakteurinnen und Lokalredakteure betroffen. Ihre Arbeit soll künftig unter anderem durch automatisierte Produktionsprozesse, Künstliche Intelligenz und neu aufgestellte regionale Teams aufgefangen werden. Der Journalistenverband kritisiert diesen Umbau scharf und warnt vor einem erheblichen Verlust an journalistischer Fach- und Ortskenntnis.
Das ist ein schleichender Qualitätsverlust. Er fällt vielleicht nicht am ersten Tag auf. Aber über die Jahre verändert er, wie viel eine Region über sich selbst erfährt. Und wie gut Bürgerinnen und Bürger informiert sind, wenn es um Entscheidungen geht, die ihr unmittelbares Lebensumfeld betreffen.
Ich schreibe das alles übrigens nicht aus der Distanz. Seit 2013 betreibe ich mit Mein-Wadersloh.de ein unabhängiges, hyperlokales Medienangebot für Wadersloh, Diestedde und Liesborn. Als Einzelkämpfer weiß ich ziemlich genau, was es bedeutet, ein solches Angebot wirtschaftlich am Leben zu halten. Hinter jedem Bericht stecken Recherche, Gespräche, Termine, Fotografie, Texte und nicht selten viele Stunden Arbeit. Dazu kommen Technik, laufende Kosten und die Herausforderung, ein tragfähiges Geschäftsmodell zu finden. Deshalb kann ich die Entscheidung der herausgebenden Werbeagentur Thiesbrummel, die „Lippstadt am Sonntag“ einzustellen, durchaus nachvollziehen. Wer selbst ein lokales Medienangebot betreibt, weiß, dass Leidenschaft allein keine Rechnungen bezahlt. Auch Idealismus hat wirtschaftliche Grenzen. Das gilt für eine gedruckte Wochenzeitung genauso wie für ein digitales Angebot. Und die Zeiten werden nicht einfacher.
In einem Kommentar Anfang September habe ich bereits beschrieben, warum lokale Medien vor Ort wichtig sind und weshalb Mein-Wadersloh.de Unterstützung braucht (kurzer Transparenzeinschub: übrigens habe ich seit diesem Kommentar 3 neue Unterstützer-Abos hinzugewonnen und 3 Kündigungen erhalten). Damals ging es vor allem um die Frage, was ein gutes lokales Medium ausmacht. Für mich ist die Antwort nach wie vor dieselbe: Es muss dort sein, wo das Leben stattfindet. Auf dem Sportplatz, im Schützenfestzelt, im Kindergarten, im Ratssaal oder einfach dort, wo Menschen etwas zu erzählen haben. Es muss die kleinen Geschichten ebenso ernst nehmen wie die großen Entscheidungen. Und es muss das Geschehen einer Gemeinde nicht nur abbilden, sondern auch langfristig dokumentieren. Lokaljournalismus ist immer auch ein Stück „Gedächtnis“ einer Region. Was heute vielleicht nur eine kleine Vereinsveranstaltung, ein Interview, ein Firmenjubiläum oder ein Schulprojekt ist, kann morgen bereits eine wertvolle Erinnerung sein. Fotos, Videos, Berichte und persönliche Begegnungen halten fest, wie sich eine Gemeinde entwickelt und was die Menschen vor Ort bewegt hat.
Eine vielfältige Medienlandschaft ist deshalb kein Luxus.
Sie ist ein Stück gelebte Öffentlichkeit.
Natürlich müssen sich Medien verändern. Print hat gämzlich andere Herausforderungen als digitale Angebote. Neue Formate entstehen, Lesegewohnheiten wandeln sich und Geschäftsmodelle müssen hin und wieder angepasst werden. Aber bei aller notwendigen Veränderung sollte eines nicht verloren gehen: Die journalistische Arbeit vor Ort. Denn wenn immer weniger Menschen hinschauen, nachfragen und berichten, wird eine Region nicht automatisch uninteressanter. Sie wird nur weniger sichtbar.
Vielleicht ist die Einstellung der „Lippstadt am Sonntag“ deshalb auch ein Anlass, einmal über die eigene Mediennutzung nachzudenken. Welche Nachrichtenangebote nutzen wir? Was erwarten wir von ihnen? Und welchen Wert hat es uns eigentlich, wenn jemand regelmäßig über unsere Heimat berichtet? Ein Klick ist schnell gemacht. Ein Artikel ist schnell gelesen. Aber unabhängiger Lokaljournalismus entsteht nicht nebenbei und schon gar nicht kostenlos. Er braucht Menschen, die ihn machen, und Menschen, die seine Arbeit wertschätzen. Das gilt für große Redaktionen ebenso wie für kleine, unabhängige Medienprojekte.
Ich wünsche den Menschen hinter der „Lippstadt am Sonntag“ alles Gute für die Zukunft. Und ich wünsche mir, dass die letzte Ausgabe nicht nur als Abschied wahrgenommen wird, sondern auch als Denkanstoß. Denn wenn eine lokale Zeitung verschwindet, ist das nicht einfach nur eine Veränderung auf dem Zeitungsmarkt. Es fehlt ein weiterer Blick auf die eigene Heimat. Und jeder dieser Blicke ist es wert, erhalten zu bleiben.
Lokaljournalismus braucht Leserinnen und Leser.
Aber vor allem braucht er Menschen, die bereit sind, ihn möglich zu machen.
Ein Kommentar von Benedikt Brüggenthies


