Diestedde (mw/bb). Unmittelbar am nördlichen Ortsrand von Diestedde, umgeben von der Schlossgräfte, liegt das Schloss Crassenstein. Das Wasserschloss prägt seit Jahrhunderten das Ortsbild und seine Geschichte spiegelt die politischen, konfessionellen und gesellschaftlichen Umbrüche Westfalens wider. Was spielte sich rund um das Märchenschloss im münsterländischen Wadersloh-Diestedde ab?



Vom „Castrum“ zur Renaissanceanlage
Erstmals urkundlich erwähnt wurde die Anlage 1376 als „Castrum Crassenstein“. In jenem Jahr, als das benachbarte Stromberg erobert und zerstört wurde, traf es auch Crassenstein. Doch der Wiederaufbau folgte rasch: Bald entstand erneut ein festes, von tiefem Wasser umgebenes Schloss.
1419 erwarb Heinrich III. von Wendt die Anlage. Damit begann die über 450-jährige Verbindung Crassensteins mit einem der alten westfälischen Uradelsgeschlechter. Die Familie von Wendt ist seit dem 13. Jahrhundert urkundlich belegt; 1248 beginnt mit Ritter Gottschalk Wendt die ununterbrochene Stammreihe. Seit dem Mittelalter war das Geschlecht im Raum Lemgo begütert und stellte Burgmannen und Militärs, darunter Johann Adam Freiherr von Wendt, der 1715 in den Reichsgrafenstand erhoben wurde.
Nach mehreren Güterteilungen wurde Crassenstein um 1560 Stammsitz der Linie Wendt-Crassenstein. In der Reformationszeit wandte sich dieser Zweig 1535 zunächst dem evangelischen Bekenntnis zu, während die Linie Wendt-Holtfeld katholisch blieb. Zu dieser Zeit verliert das Dorf Diestedde den Status als Wallfahrtsort für den Heiligen Nikolaus, der noch heute Namenspatron ist. Unter Franz III. von Wendt-Crassenstein begann in den 1620er-Jahren ein umfassender Neubau, der 1636 abgeschlossen wurde. Geplant war eine rechteckige Hofanlage mit vier Ecktürmen; realisiert wurden der Hauptflügel, die Türme, Teile der Seitenflügel und zwei Pavillons – ein Spätwerk der von Laurenz von Brachum geprägten Lipperenaissance.
Konfessioneller Wandel und wirtschaftliche Krisen
Mit dem Aussterben der Linie Wendt-Crassenstein 1710 fiel der Besitz an die katholische Linie Wendt-Holtfeld zurück. Eine Hauskapelle wurde mit päpstlicher Genehmigung eingerichtet, die heute leider nicht mehr erhalten ist, mit Ausnahme eines Weihwasserbeckens. Doch das 18. Jahrhundert brachte wirtschaftliche Schwierigkeiten; zeitweise geriet die Familie in Konkurs. Erst im frühen 19. Jahrhundert stabilisierte sich die Lage wieder.
1808 verlegte Friedrich-Wilhelm von Wendt-Holtfeld in napoleonischer Zeit den Hauptsitz von Schloss Hardenberg nach Crassenstein. Das bis dahin vornehmlich als Sommersitz genutzte Schloss wurde renoviert. Umbauten zwischen 1840 und 1845 nach Plänen des Bauinspektors Konrad Niermann veränderten die ursprüngliche, reich gegliederte Backsteinfassade nachhaltig.
Zum weitverzweigten Besitz der Familie gehörten zeitweise unter anderem Schloss Holtfeld, Haus Horst, Schloss Borlinghausen sowie Schloss Gevelinghausen, wo auch Annette von Droste-Hülshoff zu Gast war.
Das Ende der Adelsära
Mit dem Tod von Freiherr Oswald von Wendt im Jahr 1877 endete die direkte Wendt-Linie auf Crassenstein. Seine Schwester Leonia brachte den Besitz in die Ehe mit dem niederländischen Grafen Oscar Laurent de Marchant et d’Ansembourg ein. Nach einem Dachstuhlbrand erhielt das Schloss 1921 bis 1923 sein prägendes Mansardedach, zudem entstanden Mittelrisalit und Freitreppe. 1957 folgte ein rosafarbener Außenputz, der nach der Jahrtausendwende dem heutigen und ursprünglichen ockergelb wich.
Nach dem Tode von Clothilde de Marchant et d’Ansembourg im Jahre 1912 stand Crassenstein zunächst leer und verwahrloste zunehmend. Graf Wladimir de Marchant et d’Ansembourg erbte das Schloss im Jahre 1925 und verpachtete aus wirtschaftlichen Gründen nach dem 2. Weltkrieg an den Internatsverein Lüdinghausen e. V. , der zwischen 1951 bis 1982 das Realschulinternat St. Marien in Diestedde unterhielt.
1953 wurden im Rahmen einer öffentlichen Auktion zahlreiche Güter aus dem Schloss veräußert. Sie gingen „in alle Himmelsrichtungen“. Damit endete faktisch die jahrhundertealte Adelstradition in Diestedde.
Zur Anlage zählen bis heute kulturhistorisch bedeutende Elemente: eine Nepomuk-Statue von 1732 an der Zufahrt, eine Marienstatue auf dem Rondell sowie barocke Parkfiguren wie Herakles im Kampf mit der Hydra und Milon von Kroton.
Im Jahr 1983 erwarb die „Priesterbruderschaft des heiligen Pius X.“ das Schloss und die damaligen Realschulschulgebäude im einstigen Park und betrieb bis 2013 in den Schulgebäuden das „Don-Bosco-Gymnasium“ und ein angeschlossenes Internat.
Vom Forschungssitz zur internationalen Schule
Parallel dazu begann bereits 1999 unter Professor Dr.-Ing. Paul Drews ein neues Kapitel für das benachbarte Crassenstein. Zuvor hatte der Heimatverein Diestedde 1997 auf den schlechten Zustand des Denkmals hingewiesen und einen großen Aktionstag initiiert. Das sanierungsbedürftige Schloss wurde seitdem umfassend restauriert, erhielt den erwähnten ockergelben Anstrich und entwickelte sich zu einem Ort für Forschung, Kultur und Begegnung. Konzerte, Matineen und Großveranstaltungen zogen tausende Besucherinnen und Besucher an.
Nach dem Tod von Prof. Drews 2012 stand das Schloss erneut vor einer ungewissen Zukunft. Im Herbst 2016 wechselte es den Besitzer. Mit der Gründung der Privatschule Schloss Crassenstein sollte eine internationale Bildungsstätte mit Internat entstehen. Schülerinnen und Schüler aus Asien, Südamerika, dem Mittleren Osten und Europa kamen ins Münsterland. Kooperationen mit umliegenden Schulen (Johanneum) stärkten die regionale Einbindung. Trotz der Herausforderungen durch die Corona-Pandemie fand 2021 eine erste Abiturfeier statt. Doch 2023 musste die Schule Insolvenz anmelden.
Neue Perspektiven für das Diestedder Wahrzeichen
Bereits Ende 2020/Anfang 2021 war das Schloss erneut verkauft worden an die an die Beckumer Arztfamilien Röschinger und Schwert. Sie kündigten an, Crassenstein als „Ort der Begegnung“ weiterzuentwickeln, die historische Substanz nachhaltig zu sichern und neue Nutzungskonzepte zu etablieren. In der Folgezeit wurden u.a. ein Innovationszentrum und Stiftungszentrum im Schloss angesiedelt. Vor allem wurde auch weitere Räume renoviert und erhaltende Maßnahmen rund um Schloss und Gräfte durchgeführt.









Vom mittelalterlichen „Castrum“ über adeligen Stammsitz, konfessionellen Zankapfel, kulturellen Veranstaltungsort und internationale Schule bis hin zu neuen Zukunftsplänen bleibt das Wasserschloss ein lebendiges Wahrzeichen Diesteddes. Und darüber hinaus ein Spiegel westfälischer Geschichte im Kleinen.
Fotos/Text: B. Brüggenthies


