Wadersloh/Liesborn (mw/bb). Am kommenden Montag (23. März 2026) bleiben vielerorts in Deutschland die Apothekentüren geschlossen. Mit einem bundesweiten Protesttag wollen Apothekerinnen und Apotheker auf ihre wirtschaftlich angespannte Lage aufmerksam machen und politischen Druck für eine Reform der Vergütung ausüben. Auch im Kreis Warendorf beteiligen sich zahlreiche Betriebe an der Aktion. Neben den Schließungen sind zentrale Kundgebungen unter anderem in Düsseldorf, Hannover, Berlin und München geplant. Viele Apothekenteams möchten gemeinsam ein Zeichen zu setzen. Ihr Ziel: Eine stabile, flächendeckende Arzneimittelversorgung und bessere wirtschaftliche Rahmenbedingungen. MW hat mit Apothekerin Sabine Castellón Rivera, Inhaberin der Abtei-Apotheke in Liesborn, über den Protesttag gesprochen.
65 Prozent höhere Kosten seit 2013: „Seit Jahren hat sich nichts geändert“
Dass die Apotheken erneut protestieren, ist für viele Beteiligte ein Déjà-vu. Sabine Castellón sieht kaum Fortschritte seit den vergangenen Aktionen: „Also letztendlich ist es gar nicht so ein wahnsinnig großer Unterschied zu den Protesten jetzt zum Jahresende 2023, da haben wir ja auch schon mal gestreikt. Leider ist das Thema quasi das gleiche, weil sich halt noch nichts geändert hat.“
Im Zentrum der Kritik steht dabei nicht die Arzneimittelpreisverordnung selbst, sondern die Höhe der Festbeträge („Fixum“): „Die Arzneimittelpreisverordnung ist für uns von enormer Bedeutung und wird von uns klar befürwortet. Sie sorgt dafür, dass verschreibungspflichtige Arzneimittel in ganz Deutschland einheitliche Preise haben. Dadurch entfällt für Patientinnen und Patienten die Notwendigkeit, Preise zu vergleichen oder weite Wege auf der Suche nach der günstigsten Apotheke zurückzulegen. Gleichzeitig gewährleistet sie für uns Apotheken Neutralität, da es für uns keinen Unterschied macht, was ein Medikament kostet. Das ermöglicht eine unabhängige und objektive Beratung„, erläuert die Inhaberin der Abtei-Apotheke.
Aktuell liegt der Festzuschlag bei 8,35 Euro pro Packung. Eine Erhöhung auf 9,50 Euro ist zwar im Koalitionsvertrag vorgesehen, lässt jedoch weiter auf sich warten. Für viele Apotheken ist das existenzbedrohend. Denn gleichzeitig steigen die Kosten deutlich. Sabine Castellón ist aufgrund der Entwicklung besorgt: „Da sind uns die Hände gebunden und die Kosten steigen weiter. Seit 2013 sind sie um 65 Prozent gestiegene bei einem null gestiegenem Fixum.“
Apothekensterben schreitet voran
Die Folgen dieser Entwicklung sind bereits sichtbar. Branchenvertreter sprechen von einem flächendeckenden Rückgang. Bundesweit habe mittlerweile fast jede fünfte Apotheke schließen müssen. Auch Castellón bestätigt den Trend aus der Praxis: „Bis dahin hat schon wieder eine Apotheke pro Tag geschlossen. Und das Apothekensterben geht weiter.“ Besonders problematisch sei dies für die Versorgung der Bevölkerung. Denn Apotheken erfüllen einen staatlichen Auftrag: Die wohnortnahe Versorgung mit Arzneimitteln, auch nachts, an Wochenenden und Feiertagen. „Und wenn das Netz immer löchriger wird, dann haben die Leute halt nicht, eine Viertelstunde Fahrt, sondern eine Dreiviertelstunde Fahrt oder noch länger“, warnt Castellón.


Protest ist auch im Sinne der Patientinnen und Patienten
Die Apothekerschaft betont, dass sich der Protest nicht nur um wirtschaftliche Interessen dreht. Vielmehr gehe es um die Sicherung der Gesundheitsversorgung insgesamt: „Aber letztendlich geht es nicht nur um die Apotheken, sondern um die Patienten, um die flächendeckende Versorgung der Bevölkerung“, so Castellón. Auch der Apothekerverband spricht von einer „chronischen Unterfinanzierung“ und fordert die Bundesregierung auf, ihr Versprechen aus dem Koalitionsvertrag einzulösen. Angesichts einer alternden Gesellschaft und wachsender Gesundheitsanforderungen seien wohnortnahe Apotheken wichtiger denn je.
Die zentrale Forderung des Protesttages bleibt daher eine zügige Anhebung des Festbetrags und perspektivisch eine dynamische Anpassung an Inflation und Kostenentwicklung. Für viele Apotheken ist dies eine Frage des Überlebens: „Diese Fixumserhöhung ist einfach das, woran es jetzt noch hapert“, sagt Sabine Castellón. „Dass überhaupt was passiert.“ Ob die Politik auf den wachsenden Druck reagiert, bleibt abzuwarten. Auch für die heimischen Apotheken steht jedoch fest: Ohne Reform droht das Netz der Arzneimittelversorgung weiter auszudünnen: Mit direkten Folgen für die Patientinnen und Patienten.


Notversorgung bleibt auch am Protesttag gesichert
Trotz der Proteste am 23. März müssen sich Patientinnen und Patienten keine Sorgen um akute medizinische Versorgung machen. Für Notfälle stehen die diensthabenden Notdienstapotheken wie gewohnt zur Verfügung.
Fotos/Text: B. Brüggenthies


