Wadersloh (mw/bb). Noch bevor die Berichte zur Ratssitzung überhaupt auf dieser Seite veröffentlicht worden sind, wurde ich gleich zweimal mit einem Begriff konfrontiert, der inzwischen fast reflexartig genutzt wird: „Lügenpresse“. Das ist bemerkenswert und zugleich erschreckend. Denn es zeigt, dass selbst in einem kleinen Dorf im Münsterland die Wertschätzung für Journalismus schwindet. Gerade im gemeinwohlorientierten Lokaljournalismus, also dort, wo man sich kennt, wo man sich beim Kaffee bei „Miss Elly“, im Pfarrheim oder auf dem Sportplatz begegnet, sollte etwas anderes gelten: Respekt. Ein Kommentar.
In einer idealen (Dorf-)Welt begegnen sich Menschen auf Augenhöhe, hören einander zu und akzeptieren, dass es unterschiedliche Sichtweisen gibt. Dazu gehört auch, journalistische Arbeit nicht vorschnell zu diskreditieren, nur weil Inhalte nicht ins eigene Weltbild passen. Sachlichkeit ist dabei kein schmückendes Beiwerk, sondern die Grundlage. Wer argumentiert, sollte das mit Fakten tun. Wer kritisiert, sollte konkret werden. Pauschale Vorwürfe hingegen helfen niemandem weiter – weder der politischen Debatte noch dem gesellschaftlichen Miteinander.
Vor dem Rathaus war am Montagabend ein Schild zu lesen: „Liebe Ratsmitglieder, schützt uns vor extremen Entwicklungen.“ Ein wohl gut gemeinter Appell an die Kommunalpolitik, aber im übertragenen Sinne auch einer an uns alle. Denn auch der Umgang mit Informationen, mit Berichterstattung und mit Medien kann schnell ins Extreme kippen. Wenn Vertrauen pauschal aufgekündigt wird, wenn aus Kritik pauschale Verachtung wird, leidet die Grundlage jeder sachlichen Debatte. Übertragen auf den Lokaljournalismus könnte der Satz daher lauten: Schützt die sachliche Auseinandersetzung vor den Extremen, vor vorschnellen Urteilen, pauschalen Vorwürfen und der Versuchung, komplexe Zusammenhänge auf einfache Feindbilder zu reduzieren. Das gilt für Medienvertreter und letztlich für den Umgang miteinander insgesamt.
Ein Blick in den Ratssaal am Montag zeigt zudem, wie selektiv öffentliche Aufmerksamkeit manchmal ist: Als über die geplanten Windräder im Gemeindegebiet diskutiert wurde, war kein einziger Sitzplatz mehr frei. Als später die Haushaltsreden folgten, also genau dort, wo über die finanziellen Grundlagen der Gemeinde entschieden wird, hörte nicht einmal mehr eine Handvoll Bürgerinnen und Bürger zu. Das ist menschlich erklärbar, aber auch problematisch. Denn es verschiebt den Fokus: Weg von langfristigen, komplexen Entscheidungen hin zu einzelnen, emotional aufgeladenen Themen.
Gerade deshalb ist es Aufgabe des Lokaljournalismus, genau hinzusehen, zuzuhören und einzuordnen. Politik ist kompliziert, Finanzen sind es auch. Unterschiedliche Fraktionen setzen unterschiedliche Schwerpunkte, suchen nach Lösungen und bewerten Entscheidungen verschieden. Genau das bildet Journalismus im Lokalen ab und sorgt dafür, dass auch diejenigen informiert sind, die nicht im Ratssaal sitzen konnten oder wollten.
Lokaljournalismus macht transparent, was vor Ort entschieden wird, wer wofür steht und welche Konsequenzen das hat. Er ist damit ein Teil der demokratischen Infrastruktur insbesondere auf kommunaler Ebene. Ihn vorschnell als „Lügenpresse“ abzutun, greift zu kurz und verkennt diese Rolle.
Die Herausforderungen für die Gemeinde Wadersloh sind groß, die finanziellen Spielräume kleiner. Umso wichtiger ist ein respektvoller Umgang – im Ratssaal, in der Öffentlichkeit und auch gegenüber denjenigen, die darüber berichten. Pauschale Diffamierungen untergraben genau diese Basis und führen langfristig zu Misstrauen und Polarisierung. Am Ende geht es um die gleiche Frage: Wie gestalten wir gemeinsam die Zukunft von Wadersloh, Diestedde und Liesborn ohne dabei ins Extreme abzurutschen?
Kommentar: Benedikt Brüggenthies

