Wadersloh (mw/bb). Der 9. November ist ein Datum mit doppelter Bedeutung für Deutschland: Er steht einerseits für die Novemberpogrome von 1938 , den Beginn der systematischen Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung, andererseits für den Fall der Berliner Mauer im Jahr 1989, der den Weg zur Wiedervereinigung ebnete. In Wadersloh sind die Spuren des jüdischen Lebens heute an wenigen Orten weiterhin sichtbar. Stolpersteine erinnern an die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, die Opfer des nationalsozialistischen Terrors wurden. Der Heimatverein Wadersloh hält die Erinnerung daran wach und lädt jedes Jahr am 9. November zu einer Gedenkfeier vor dem Rathaus ein, neben dem Gedenkstein gegen das Vergessen.

„Bei uns ist kein Platz für Antisemitismus . Auch 87 Jahre nach diesem Ereignis, das auch in Wadersloh stattfand“, betonte der Heimatvereinsvorsitzende Winfried Schlieper in seiner Ansprache. Es sei unmöglich, alles auszusprechen, was über die Gräueltaten jener Zeit zu sagen wäre. Noch unvorstellbarer sei das Leid derer, die in der Pogromnacht und den Jahren danach Erniedrigung, Angst und Gewalt erleiden mussten. Schlieper erinnerte an die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, in der auch in Wadersloh jüdische Wohnhäuser verwüstet und die Synagoge zerstört wurden.


Das Gedenken an die Opfer, so Schlieper, sei dem Heimatverein ein Herzensanliegen und gehöre zur Verantwortung des Vereins. Damit setze der aktuelle Vorstand das Werk der verstorbenen Vorsitzenden Hans-Josef Kellner und Herbert Fortmann fort, die sich zeitlebens für die Erinnerungskultur engagierten. „Dieser Teil der Dorfgeschichte darf nicht in Vergessenheit geraten“, mahnte Schlieper und verwies auf das vielfältige Engagement in Wadersloh, vom Erhalt des jüdischen Friedhofs über die Stolpersteine bis hin zur Teilnahme am Riga-Komitee, das an die Deportationen jüdischer Bürgerinnen und Bürger erinnert. All sei ein Bekenntnis zu Menschlichkeit und Zivilcourage. Gemeinsam mit dem Heimatverein entzündeten Schülerinnen und Schüler fünf Kerzen vor dem Gedenkstein, die an die jüdischen Familien Waderslohs erinnern sollen. Die Namen und Wohnorte las Jessica Jemella parallel dazu vor.
Besonders lobte Winfried Schlieper die Schülerinnen und Schüler des Johanneums und der Sekundarschule, die mit Musik- und Textbeiträgen den feierlichen Rahmen der Gedenkstunde gestalteten. Zum Abschluss seiner Ansprache zitierte er die kürzlich verstorbene Zeitzeugin Margot Friedländer, bevor er das Wort an Bürgermeister Christian Thegelkamp übergab.



Thegelkamp zeigte sich erfreut über die große Beteiligung: „Das ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr.“ In seiner Rede beschrieb er den November als grauen Monat, der in Zeiten von Kriegen und Krisen noch düsterer erscheine. Die Novemberpogrome hätten viele Lichter der Menschlichkeit ausgelöscht, sagte er, und rief dazu auf, neue Hoffnung zu entfachen, „fernab von Hass und Ideologien“. Geschichte wiederhole sich nicht, so Thegelkamp, doch diese Annahme sei trügerisch. Deshalb müsse man wachsam bleiben. Als Beispiel erinnerte er an das Schicksal der Widerstandskämpferin Lisa Fittko und des Philosophen Walter Benjamin, die den Nationalsozialisten zu entkommen versuchten. Das Bewahren von Erinnerungen sei, so der Bürgermeister, eine wesentliche Voraussetzung, um künftigen Hass zu verhindern. Das gemeinsame Erinnern halte das Bewusstsein für das Dunkle der Vergangenheit wach und lasse zugleich ein Licht der Menschlichkeit weiterleuchten. Mit Dank an alle Teilnehmenden endete die Gedenkstunde.
Fotos/Text: B. Brüggenthies



