Liesborn-Göttingen (mw/bb). 850 Jahre Ortsgeschichte sind ein guter Grund zum Feiern. Und so wurde der Mehrgenerationenplatz an der Göttinger Breede am Sonntag zum Treffpunkt für Jung und Alt (dazu später mehr). Die Dorfgemeinschaft hatte anlässlich der ersten urkundlichen Erwähnung des Örtchen Göttingens im Jahr 1176 zu einem großen Jubiläumstag eingeladen. Was zunächst kurzfristig geplant worden war, entwickelte sich am Sonntag zu einem eindrucksvollen Fest der (Dorf-) Gemeinschaft, bei der sich alles rund um den Zusammenhalt drehte.



Dass das Jubiläum überhaupt auf den Wadersloher Veranstaltungskalender kam, war einer alten Festschrift zu verdanken. In den Wintermonaten war ein aufmerksamer Göttinger Bürger auf einige Zeilen zum 800-jährigen Ortsjubiläum aus dem Jahr 1976 gestoßen. Damals war das Jubiläum im Rahmen des Schützenfestes gefeiert worden. 25 Jahre später hatte zunächst niemand das 850-jährige Bestehen auf dem Schirm. Doch die Entdeckung brachte Bewegung in die Dorfgemeinschaft. Im Juni wurde spontan ein Organisationsteam aus Ehrenamtlichen gebildet. Die Göttinger Vereine und Gruppen rückten zusammen und begannen mit der Vorbereitung.



„Wenn wir doch in dieser Epoche leben, dann sollten wir das auch mal feiern“, brachte Alfons Baumhoer, der die Gäste im Namen der Göttinger Vereine und der gesamten Dorfgemeinschaft nach dem Festgottesdienst in der St.-Georgs-Kapelle begrüßte, die Motivation auf den Punkt. Und gefeiert wurde am Sonntag familiär, aber ausgiebig.
Ehrenamtlicher Einsatz: Ein Fest, das viele Hände brauchte
Die Schützenbruderschaft St. Georg, die Freiwillige Feuerwehr, der Spielmannszug, der Junggesellenverein und die Dullenfänger Staken hatten gemeinsam mit zahlreichen Helferinnen und Helfern die Veranstaltung auf die Beine gestellt. So geht ehrenamtlicher Einsatz! Göttingen ist auch gerade deswegen eine lebendige Ortschaft. Dabei beschränkt sich das Engagement vieler Göttinger längst nicht auf einen einzigen Verein. Als Beispiel nannte Alfons Baumhoer den Vorjahres-Schützenkönig Julian Gausmann, der gleichzeitig in der Schützenbruderschaft, der Feuerwehr und im Spielmannszug aktiv ist und zudem den Junggesellenverein führt. „Aber so ist das bei uns in Göttingen“, sagte Baumhoer und fasste das Erfolgsrezept des Dorfes zusammen: „Ich glaube, behaupten können, wir halten hier schon zusammen.“




Auch zahlreiche Frauen aus dem Dorf engagierten sich im Hintergrund: Rund 30 Kuchen und Torten waren für die Caféteria im Gruppenraum der Feuerwehr zusammengetragen worden. Hinzu kamen die vielen kleinen und großen Aufgaben, die bei einer solchen Veranstaltung anfallen. Dass vieles ehrenamtlich und unentgeltlich geschah, war dabei selbstverständlich. Auch die Lautsprecheranlage wurde kostenlos zur Verfügung gestellt, örtliche Betriebe unterstützten das Fest mit Sachspenden.
Ein Blick zurück bis ins Jahr 1176
Wie weit 850 Jahre zurückreichen, machte der stellvertretende Bürgermeister Jürgen Rühl in seinem kurzen Grußwort deutlich. Die erste bekannte urkundliche Erwähnung Liesborn-Göttingens stammt aus dem Jahr 1176. In einer Urkunde übertrug Bischof Hermann von Münster dem Kloster Liesborn die Zehntrechte für Göttingen. Hinter dem historischen Pergament verbirgt sich bereits ein Hinweis auf die damaligen Lebensverhältnisse: Göttingen war wirtschaftlich erschlossen, es gab feste Höfe und eine funktionierende Landwirtschaft. Die Menschen lebten von ihrer täglichen Arbeit auf den Feldern und an den Höfen. Von Wetterbericht, Internet oder Agrar-App war man naturgemäß noch weit entfernt, stellte Rühl in seiner Rede fest.



Auch spätere Kapitel der Geschichte wurden beim Jubiläum in Erinnerung gerufen: Die Lippe bildete zeitweise eine Staatsgrenze zwischen dem Fürstbistum Münster im Norden und dem Kurfürstentum Köln im Süden. Waren, die über die Lippe transportiert wurden, unterlagen entsprechenden Abgaben. Dass Grenzen auch umgangen wurden, daran erinnerte Rühl mit einem Augenzwinkern beim Blick auf den damaligen Schmuggel von Kaffee, Tabak und Branntwein. Heute, so Rühl (Anm. d. Red.: Rühl ist bekanntermaßen pensionierter Polizeihauptkommissar), sehe die Situation glücklicherweise ganz anders aus. Göttingen sei ein Ort, an dem man sich einbringe und gemeinsam etwas schaffe. Sein besonderer Dank galt deshalb all jenen, die sich in Kirche, Feuerwehr, Landwirtschaft, Politik und Vereinen für das Gemeinwohl engagieren.
Geschichte zum Anschauen und Mitmachen
Wer nicht nur feiern, sondern auch etwas über die Vergangenheit des Dorfes erfahren wollte, bekam dazu mehrere Möglichkeiten. In der Georgs-Kapelle war eine Ausstellung aufgebaut, die als „Zeitreise durch Göttingen“ konzipiert war. Historische Informationen luden ebenso zum Entdecken ein wie ein Dorf-Quiz. Im benachbarten Gruppenraum lief zudem ein Heimatfilm, der einen besonderen Blick auf die Geschichte des Ortes ermöglichte. Die Aufnahmen reichten bis zum Schützenfest des Jahres 1957 zurück. Zu sehen waren unter anderem historische Schützenfestbilder weitere Aufnahmen aus dem Dorfleben. Ergänzt wurde das historische Filmmaterial durch neue Luftaufnahmen. So wurde Vergangenheit nicht nur erklärt, sondern sichtbar gemacht und mit dem heutigen Göttingen verbunden.


Buntes Rahmenprogramm drumherum für jedes Alter
Auch die jüngsten Besucherinnen und Besucher kamen auf ihre Kosten: Die ursprünglich angekündigte Mähdrescher-Hüpfburg präsentierte sich schließlich als Maishäcksler und wurde damit eher noch interessanter. Dazu gab es Bastelaktionen, Kinderschminken, Tattoos und weitere Angebote. Der 2024 eingeweihte Mehrgenerationenplatz konnte an diesem Tag zeigen, was in ihm steckt: Er bot Raum für Begegnungen, Gespräche, Spiel und gemeinsames Feiern. Genau dieser generationsübergreifende Gedanke passte zum Jubiläum. Und der Festtag spannte tatsächlich einen Bogen über Generationen hinweg. Mit Maria Suermann war die älteste Einwohnerin Göttingens dabei. Die 101-Jährige ist vielen im Dorf seit Jahrzehnten bekannt, war mehrfach Jubelkönigin und hatte sich auch um die Kapelle gekümmert. Gleichzeitig war mit dem erst vier Wochen alten Fynn-Lennart Fromme auch der jüngste Göttinger unter den Gästen.


Eine Dorfgemeinschaft endet nicht am Ortsschild
In ihren Ansprachen erinnerten die Festredner daran, dass gute Nachbarschaft nicht am eigenen Dorfschild endet. Auch innerhalb Göttingens richtete sich die Einladung für die Jubiläumsfeier ausdrücklich an Neubürgerinnen und Neubürger. Wer aufs Land ziehe, suche möglicherweise Ruhe, aber eben auch Gemeinschaft und eine gute Nachbarschaft. Die Jubiläumsfeier sollte deshalb nicht nur eine Veranstaltung für die alteingesessenen Göttinger sein, sondern auch ein Angebot an diejenigen, die neu im Dorf leben.

Dass das Fest nicht nur gefeiert, sondern auch nachhaltig wirken soll, zeigt die Verwendung des Erlöses: Dieser kommt nicht den beteiligten Vereinen zugute, sondern soll für den Göttinger Kinderspielplatz verwendet werden. Damit schließt sich der Kreis: Die Dorfgemeinschaft blickt 850 Jahre zurück, feiert die Gegenwart und investiert zugleich in die Zukunft. 850 Jahre Geschichte lassen sich nicht an einem Tag erzählen. Aber man kann sie zum Anlass nehmen, sich bewusst zu machen, was einen Ort über Jahrhunderte hinweg prägt. In Liesborn-Göttingen sind es neben Höfen, Betrieben, Häusern, die St.-Georgs-Kapelle und der neue „Dorfplatz“ vor allem die Menschen, die sich engagieren, füreinander da sind und gemeinsam anpacken. Auf die nächsten 850 Jahre Göttingen!
Fotos/Text: B. Brüggenthies, zus. Foto: Familie Fromme (1)
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