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Wer schön sein will, muss leiden: Das Friseurhandwerk in der Wilhelmstraße im Wandel der Zeit [LESERZUSENDUNG]

Wadersloh (mw/gast). Wer in die Wilhelmstraße einbiegt sieht auf den ersten Blick den Friseursalon „Auszeit“ von Marina Lütke Stratkötter. Das Friseurhandwerk hat in dieser Straße eine lange, fast schon historische Tradition. Auch auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Unser Leser Ernst Reineke erinnert sich nur zu gut an den Friseursalson Strunk, der in den 1950er und 60er-Jahren für Recht und Haarordnung in der Wilhelmstraße 10 sorgte.

„Wer schön sein will, muss leiden“ – „Wer nicht hören  will, muss fühlen!“ – Zwei Sprichworte, über deren Sinn und Unsinn man heute lange diskutieren könnte, die aber noch  vor einer Generation Handlungsanweisungen in vielen Familien in der Erziehung waren, könnten auf Objekte in der „Schrott -Ecke“ beim Entrümpeln des alten Hauses in der Wilhelmstrasse näher betrachtet werden.

Nicht nur Schnapspinneken und Äxte, die der Leser schon in vorherigen  Beiträgen kennengelernt hat, sind da interessant und zu beleuchten! In den Fünfziger und Sechziger Jahren stand das Haus in der Wilhelmstrasse 10 für die  Schönheit wie auch für Recht und Ordnung in Wadersloh. Ältere Wadersloher erinnern sich sowohl an den Friseursalon Strunk als auch an die Polizeiwache Wilhelmstrasse 10. Bei der Spurensuche sind auch hier denkwürdige Requisiten  und Episoden  aus dieser Zeit übrig geblieben.

Foto: Privat

Besonders vor den Feiertagen war es auch in den Fünfzigern der Wunsch vieler Frauen, sich durch eine Dauerwelle oder eine neue Frisur nach dem Vorbild aus der „Brigitte“ aufhübschen zu lassen!  Schon um sechs  Uhr bildeten sich dann Schlangen vor der Haustür und Reinhild als Tochter des Wilhelm Gerwert sorgte mit Stühlen und Hockern aus der Küche und dem Wohnzimmer für die Bequemlichkeit der Damen, die damals noch mit eigenem Handtuch vor dem Salon erschienen.

Eine Anmeldung mit  „Termin beim Friseur „ war in dieser Zeit nicht üblich. Es gab ja kaum Telefone und erst  recht keine Handys. Jeder Arbeitsplatz im Salon war vom Nächsten durch einen Vorhang abgeschirmt, als hätte man schon 1950 die heutigen Corona-Hygieneverordnung gekannt. In der Männerabteilung ging der Figaro noch mit viel frisch  geschlagenem Schaum und gewetztem Rasiermesser dem Bart an den Kragen (längere Bärte waren in den Fünfzigern nicht in Mode.)

Die Polizeiwache in den Sechzigern veränderte in der Wilhelmstrasse natürlich alles. Auch wenn die Besucher nicht mehr mit dem „Grünen Blatt“ und anderen bunten Illustrierten „ bei Laune“ gehalten wurden, war doch die vorherrschende Farbe bei der Polizei das Grün. Signalrot war da natürlich die Sprech-Not und Meldeanlage vor der Haustür. Nicht wenige Hilfesuchende verwechselten, weil ja „nachts alle Katzen grau sind“, die rote Sprechanlage mit der privaten Haustürschelle. Wir waren seinerzeit manchmal schneller über das Geschehen in und um Wadersloh informiert als die Polizei und konnten manchem nervösen Hilfesuchenden beim Umgang mit der relativ modernen Notsprechanlage behilflich sein. Als Lohn hatten wir dafür für Jahre das Gefühl einer zusätzlichen Sicherheit. Welcher Spitzbube würde schon in einem Haus mit dem Schild „Polizeiwache“ einbrechen?

Beim Umzug der Polizeiwache in die Sparkasse ist ein Relikt in einem Winkel, und derer gibt es viele in einem alten Haus, vergessen worden. Ein sicher schon ausgedienter grünbrauner Gummiknüppel oder auch Schlagstock. Es spricht für das Leben in Wadersloh, wenn er nicht benutzt oder später nicht vermisst wurde.

Der ausgediente Gummiknüppel und die ausgedienten Friseurwerkzeuge zusammen auf einem Bild erscheinen etwas skurril. Richtig eingesetzt waren aber alle irgendwie in ihrer Zeit erfolgreich und erforderlich. Falsch genutzt konnten auch die Brenneisen, Rasiermesse, Kreppeisen, Scheren, Onduliereisen usw. gefährlich sein und Unheil anrichten. Vielleicht aber kommt dieser Gummischlagstock gar nicht durch eine kleine Vergesslichkeit beim Auszug der Polizei in die Schrottkiste. Vielleicht war er schon in den Dreissigern im Haus. Dann mag ich mir dazu allerdings keine Geschichte ausmalen.

Text: Ernst Reineke, Beitragsbild: Archiv Mein-Wadersloh.de

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