Wadersloh (mw/bb). Erinnerungskultur beginnt nicht erst an einem Gedenktag. In Wadersloh ist sie vielmehr mit konkreten Orten, Namen und persönlichen Schicksalen verbunden. Der Heimatverein Wadersloh setzt sich seit vielen Jahren dafür ein, dass die Geschichte der jüdischen Familien, die einst selbstverständlicher Teil der Wadersloher Dorfgemeinschaft waren, nicht in Vergessenheit gerät. Das jährliche Pogromgedenken am Rathaus ist dabei ein wichtiger Baustein, aber längst nicht das einzige Zeichen dieses Engagements. Mit den „Stolpersteinen“, der Pflege des jüdischen Friedhofs und der Zusammenarbeit mit den weiterführenden Schulen engagiert sich der Verein seit Jahren für eine lebendige Erinnerungskultur. „Wir möchten die einstigen jüdischen Familien in den Fokus setzen“, erklärt die zweite Vorsitzende Jessica Jemella. Es gehe darum, daran zu erinnern, dass diese Menschen hier gelebt, gearbeitet und zur Dorfgemeinschaft gehört hätten. Und dass dieses Leben durch die nationalsozialistische Verfolgung von einem Tag auf den anderen zerstört worden sei.
„Menschen zusammenführen, wir, egal wer wie und wo er herkommt, dass wir offen sind, tolerant sind und Verantwortung für unsere Mitmenschen übernehmen und dass wir alle aufeinander achten müssen. Das soll auch ein bisschen symbolisiert werden. In erster Linie geht es um das Gedenken an unsere jüdischen Familien, aber eben auch unsere Demokratie weiterzubauen, zu festigen und dass wir schon früh genug und immer wieder darauf hinweisen, was es bedeutet, Mensch zu sein.“
Winfried Schlieper, Vorsitzender des Heimatvereins Wadersloh
Eine wichtige Grundlage für die heutige Erinnerungsarbeit schuf der ehemalige Konrektor des Gymnasiums Johanneum und Dorfhistoriker Hans-Josef Kellner (verst. 2017). Er beschäftigte sich intensiv mit der Geschichte der jüdischen Familien in Wadersloh, recherchierte ihre Herkunft, ihre Lebenswege und ihr Schicksal. Aus dieser Arbeit entstand das Buch „Die vergessenen Nachbarn – wer kennt sie noch?“ (2012), das die Geschichte jüdischen Lebens vor Ort umfassend dokumentiert. Die Veröffentlichung und die schulische Aufarbeitung waren wichtige Schritte, um die Erinnerung in der Gemeinde zu verankern. Im Rahmen des 825-jährigen Ortsjubiläums wurden 2012 schließlich die sogenannten „Stolpersteine“ verlegt. Auch daran waren der Heimatverein und Hans-Josef Kellner maßgeblich beteiligt. Die ersten schulischen Projekte hatten sich bereits zuvor mit der Geschichte beschäftigt. Aus der historischen Aufarbeitung entwickelte sich so zunehmend eine sichtbare Erinnerungskultur im Ortsbild.
Die jährliche Gedenkveranstaltung am Rathaus wurde später unter dem Vorsitz von Winfried Schlieper und gemeinsam mit Jessica Jemella ins Leben gerufen. Dabei geht es bewusst um die Menschen hinter den historischen Ereignissen. Ihre Namen werden in den Ansprachen und Beiträgen immer wieder genannt. „Wir versuchen das auf jeden Fall immer einzubauen, dass wir die auch namentlich nennen, damit man die Namen präsent hat“, sagt Jemella.
Dass das Gedenken inzwischen mehr Menschen erreicht, beobachten die Verantwortlichen ebenfalls. Selbst während der Corona-Zeit habe man die Veranstaltung nicht ausfallen lassen wollen. Anfangs standen nur wenige Menschen zusammen, mittlerweile sei die Beteiligung gewachsen. Auch die Sekundarschule Wadersloh und das Gymnasium Johanneum sind regelmäßig eingebunden. Die Schülerinnen und Schüler beschäftigen sich im Unterricht mit dem Thema, arbeiten mit dem Buch und besuchen teilweise auch die Stolpersteine. So werde Erinnerung nicht nur vermittelt, sondern von einer Generation zur nächsten weitergetragen.
Orte, die Geschichte erzählen
Neben den „Stolpersteinen“ gehört insbesondere der jüdische Friedhof zu den bedeutenden Erinnerungsorten in Wadersloh. Für den Heimatverein steht dabei zunächst seine eigentliche Funktion im Vordergrund: Er ist die Ruhestätte der jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, die hier einst lebten und verstarben. „In erster Linie ist das der Friedhof unserer jüdischen Mitbürger“, betont Winfried Schlieper. Der Friedhof solle deshalb nicht zum allgemeinen Veranstaltungsort für Gedenkfeiern werden.

Noch 26 Grabsteine stehen dort. Sie sind nach Osten ausgerichtet. Besonders eindrücklich ist nach Schliepers Worten auch der Blick auf die Fläche, auf der ursprünglich weitere Gräber vorgesehen waren. Die jüdischen Familien wurden verfolgt und ermordet, ihre Angehörigen konnten dort nicht mehr bestattet werden. Der Friedhof macht damit auch sichtbar, wo die nationalsozialistische Vernichtungspolitik das Leben der jüdischen Gemeinde unwiederbringlich unterbrach. Der denkmalgeschützte Friedhof wird vom Heimatverein im Blick behalten. Dazu gehören die Pflege des Umfelds, die Aufmerksamkeit für das Eingangstor und der Schutz der verbliebenen Grabsteine. Auch die Gemeinde Wadersloh unterstützt die Unterhaltung der Anlage, unter anderem durch die Mitarbeit des kommunalen Bauhofs. Drei neu gepflanzte Bäume ergänzen inzwischen das Gelände. Die Pflanzungen stehen auch für den Gedanken, Erinnerung und Nachhaltigkeit miteinander zu verbinden.



Ein weiteres Beispiel für das Engagement des Heimatvereins sind die „Stolpersteine“ im Ortskern, die vor den Häusern der einstigen jüdischen Nachbarn in die Gehwegplatten eingelassen sind. Vor wenigen Wochen wurden die eingelagerten Steine an der Wenkerstraße 7 wieder eingesetzt. Nachdem das geschichtlich bedeutsame Gebäude (Anm.: Das Wohn- und Geschäftshaus der jüd. Familien Moos und Lebach) dort abgerissen worden war, hatte sich der Verein dafür eingesetzt, dass die Steine gesichert und eingelagert werden. Inzwischen sind sie wieder eingesetzt. Für Schlieper war es wichtig, dass die Erinnerung an die dort lebenden Familien Moos und Lebach nicht mit dem Abriss des Gebäudes verschwindet. „Man soll drüber stolpern“, beschreibt er den Gedanken hinter den kleinen Gedenksteinen. Nicht unbedingt mit den Füßen, sondern vor allem in Gedanken. Die Steine geben den Menschen ihre Namen und einen konkreten Platz in der Geschichte des Dorfes zurück.
Erinnerung als Auftrag für die Gegenwart und Zukunft
Warum dieses Engagement gerade heute wichtig ist, darüber sind sich die Verantwortlichen einig. Jessica Jemella verweist auf gesellschaftliche Entwicklungen, zunehmenden Extremismus und eine wahrnehmbare Spaltung der Gesellschaft. Das Gedenken an die Vergangenheit sei deshalb zugleich eine Mahnung für Gegenwart und Zukunft. „Nie wieder ist jetzt“, lautet ein Satz, der für den Heimatverein dabei eine besondere Bedeutung hat. Auch Winfried Schlieper versteht Erinnerungskultur nicht allein als Rückblick. Für ihn geht es ebenso darum, Demokratie zu leben, Menschen zusammenzuführen und unabhängig von Herkunft oder kulturellem Hintergrund Offenheit und Toleranz zu bewahren. „Das, was wir hier machen, das ist gelebte Demokratie“, sagt der Vorsitzende des Heimatvereins. Mit dem Wegfall der letzten Zeitzeugen wächst zugleich die Verantwortung, die Geschichte weiterzugeben. Die Zusammenarbeit mit den Schulen ist deshalb ein wichtiger Bestandteil der Vereinsarbeit. Es gehe darum, jungen Menschen Raum für Fragen und Gespräche zu geben und ihnen zu vermitteln, was Ausgrenzung und Verfolgung bedeuten.
„Das, was wir hier machen, das ist gelebte Demokratie.“
Winfried Schlieper, Vorsitzender des Heimatvereins Wadersloh
Am Montag, 9. November 2026, wird diese Erinnerung wieder öffentlich sichtbar. Um 17 Uhr lädt der Heimatverein Wadersloh zur Gedenkveranstaltung an das Rathaus (Liesborner Straße) ein. Nach der Begrüßung durch den Heimatverein wird Bürgermeister Christian Thegelkamp ein Grußwort von Sharon Fehr, dem ehemaligen Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Münster, vortragen. Beiträge der Sekundarschule Wadersloh und des Gymnasiums Johanneum gehören ebenfalls zum Programm. Die Ansprache hält in diesem Jahr Stefan Wapelhorst, Vorsitzender der Kolpingsfamilie Wadersloh.

Eine halbe Stunde, die bewusst zum Innehalten einladen soll. Denn die Geschichte der jüdischen Familien in Wadersloh ist kein abgeschlossenes Kapitel, das nur einmal im Jahr aufgeschlagen wird. Sie gehört zur Ortsgeschichte und die Erinnerung daran bleibt eine gemeinsame Aufgabe.
Fotos/Text: B. Brüggenthies


