Wadersloh (mw/bb). In Wadersloh wird an diesem Wochenende das traditionelle Schützenfest gefeiert. Fester Programmpunkt am Sonntagmorgen: Die Gedenkstunde beim Ehrenmal bei Selhorst (Stromberger Straße/Kopernikusstraße) am Rande des Schützenfests. Eindringliche Worte richtete Mario Wachsmann, Offizier der Jubilarkompanie, mit einer bemerkenswerten Rede an seine Schützenbrüder, Nachbarn und Gäste. Was zunächst wie eine humorvolle Einleitung begann („Ich lese euch jetzt das gesamte Protokoll der Generalversammlung unseres Schützenvereins vor“) entfaltete sich zu einem eindrucksvollen Rückblick auf ein bislang wenig bekanntes Kapitel der Wadersloher Geschichte: Die Auflösung des Schützenvereins in den 1930er-Jahren.
Video-Mitschnitt der Rede (2025)
Ein stiller Protest: Auflösung statt Gleichschaltung
Im Mittelpunkt stand das Jahr 1937, als sich der Schützenverein Wadersloh (damals der größte Verein der Gemeinde Wadersloh) unter dem Druck des NS-Regimes selbst auflöste. Was war geschehen? Bereits in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg geriet das Vereinsleben durch die Wirtschaftskrise und Inflation ins Wanken. Zwischenzeitlich wurde der Mitgliedsbeitrag symbolisch in Hühnereiern erhoben, die gegen Branntwein getauscht wurden. Doch mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 verschärfte sich die Lage dramatisch.
Der damalige Oberst des Schützenvereins, Dr. Robert Leineweber, weigerte sich, dem NS-Reichsbund für Leibesübungen beizutreten, ebenso wie Bürgermeister Gerhard Mense. Beide widersetzten sich der politischen Gleichschaltung. Leineweber bat den gesamten Vorstand zum Rücktritt, was diese auch taten – mit der Folge, dass der Verein führungslos war. Auch der Wadersloher Kriegerverein stellte in Solidarität sein Vereinsleben ein.
Zivilcourage in einer gefährlichen Zeit
Die Rede zeichnete eindrucksvoll nach, wie sich in der Bevölkerung Widerstand formte. Als Zeichen der Anerkennung für den abgesetzten Bürgermeister organisierte der Reiterverein St. Georg 1935 ein feierliches Ehrengeleit in einer prächtig geschmückten Kutsche, begleitet unter anderem vom Schützenkönig Felix Hagemeier. Doch das offene Zeichen der Solidarität blieb nicht unbeobachtet. Die NSDAP-Kreisleitung reagierte prompt und ließ den Ehrenzug mit gezogener Waffe auflösen. Mense, Hagemeier und weitere Begleiter wurden inhaftiert. Das Schützenfest jenes Jahres fiel aus.









Ein Jahr später verweigerte man dem König die Teilnahme am Fest. Die Folge war eine demoraliserte Vereinslandschaft. Kaum jemand wollte noch Verantwortung übernehmen oder den Holzvogel abschießen. Letztlich entschied man sich 1937: Der Verein würde sich lieber selbst auflösen, als sich den Nationalsozialisten zu unterwerfen.
„Lasst uns standhaft bleiben!“
Wachsmanns Rede schlug die Brücke von der Geschichte zur Gegenwart: „Heute, 80 Jahre nach der Befreiung Deutschlands, haben wir immer noch die Wahl“, mahnte er. Es gehe darum, wofür wir uns einsetzen – für Toleranz, Vielfalt, Minderheitenrechte. Besonders bewegend: Der Hinweis auf Louis Gutmann, Schützenkönig im Jahr 1925, ein jüdischer Mitbürger, dessen Name heute nur selten erwähnt werde (MW berichtete).
„Lasst uns standhaft bleiben. Lasst uns stabil bleiben“, appellierte Wachsmann am Ende seiner Rede. Denn nur so könne man gemeinsam verhindern, dass sich das Schlimmste wiederhole.
Fotos/Video/Text: mw/bb.

