Wadersloh (mw/bb). Mit einer engagierten und bemerkenswert selbstbewussten Podiumsdiskussion ist die Gemeinde Wadersloh am Freitag in die Umsetzung ihrer jugendpolitischen Gesamtstrategie „jugend.relevant!“ gestartet. Im Ratssaal des Rathauses diskutierten Jugendliche mit den Fraktionsvorsitzenden des Gemeinderates über Beteiligung, Vertrauen in die Demokratie und konkrete Anliegen junger Menschen.
Eingeladen waren Elisabeth Hollenhorst (Grüne), Heino Teckentrup (FWG), Lucia Meerbecker (CDU), Anne Claßen (SPD), Philip Winkler (FDP) sowie Bürgermeister Christian Thegelkamp. Ebenfalls eingeladen war die Ratsfraktion der AfD, die ihre Teilnahme jedoch ablehnte, da sie dem vorgesehenen Konzept zum Schutz der teilnehmenden Jugendlichen nicht zustimmen wollte. Moderiert wurde die Veranstaltung von Jugendlichen selbst. Hier also ein sichtbares Ergebnis der im vergangenen Jahr durchgeführten Jugendgruppenleiterschulung in Kooperation mit der Jugendhilfe Mindful, Trägerin des Jugendtreffs Villa Mauritz, die die Podiumsdiskussion in persona von Jugendtreff-Koordinatorin Anna Marras am Freitag mitbegleitete.
Von der Schulbank zur Kommunalpolitik
Zum Einstieg gewährten die Politikerinnen und Politiker persönliche Einblicke in ihre eigene Jugend. Ob Engagement in der Landjugend, im Jugendrotkreuz, in der Kirchengemeinde oder erste unternehmerische Schritte: Politische Karrieren begannen meist nicht im Sitzungssaal, sondern im Ehrenamt oder im Alltag. Ein zentrales Motiv zog sich durch viele Beiträge: Vieles müsse man „selber machen“. Gerade in früheren Jahrzehnten habe es weniger Informations- und Beteiligungsmöglichkeiten gegeben. Engagement sei häufig aus konkreten Anlässen entstanden – aus den eigenen Wünschen und Bedürfnissen heraus.
Auf die Frage, was sie sich selbst als Jugendliche von der Politik gewünscht hätten, nannten die Diskutierenden vor allem bessere Beteiligungsmöglichkeiten, mehr Freizeitangebote und eine stärkere Anbindung – etwa beim Thema ÖPNV. Zugleich wurde deutlich: Politik könne Rahmenbedingungen schaffen, Engagement und Mitwirkung müssten aber auch eingefordert werden.








Sollten junge Menschen heute noch Vertrauen in die Politik haben? Da hatte Bürgermeister Thegelkamp eine eindeutige Meinung und betonte die Bedeutung der Demokratie als Fundament des Zusammenlebens. Deutschland lebe, trotz seiner historischen Brüche, in einer der stabilsten Demokratien der Welt, getragen vom Grundgesetz und einem verlässlichen institutionellen Rahmen. Vieles, was heute selbstverständlich erscheine, sei das Ergebnis jahrzehntelanger Anstrengungen. Andere Staatsformen, so seine Überzeugung, böten deutlich schlechtere Voraussetzungen für Freiheit und Mitbestimmung.
Wer die Demokratie infrage stelle, verkenne häufig ihren grundlegenden Wert. Umso mehr freue es ihn, dass sich junge Menschen in Wadersloh intensiv mit politischen Themen auseinandersetzten und eine solche Diskussion selbst organisierten. Vertrauen in die Politik bedeute letztlich auch Vertrauen in den Staat und seine demokratischen Strukturen. Dieses Fundament brauche es, ebenso wie junge Menschen, die Vertrauen nicht nur einforderten, sondern auch in sich selbst entwickelten. Die Mitdiskutierenden hoben hervor, dass Vertrauen vor allem durch Transparenz, Authentizität und nachvollziehbare Entscheidungen entstehe. „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“, merkte FDP-Vertreter Winkler an und unterstrich damit, dass Demokratie vom Mitmachen lebe.
Themen wie Stress, Social Media und Schulalltag bewegen die jungen Menschen
Was aber bewegt die Wadersloher Jugend im Jahr 2026? In einer anonymen Umfrage hatten Jugendliche zuvor das Thema Schulstress in den Mittelpunkt gerückt. Erwartungsdruck, soziale Medien und der Umgang mit psychischen Belastungen bewegten das Plenum sichtbar. Die Antworten fielen differenziert aus: Kommunalpolitik könne die schulischen Rahmenbedingungen beeinflussen, etwa Ausstattung oder Schulsozialarbeit. Den individuellen Leistungsdruck könne sie jedoch nicht vollständig nehmen. Wichtig seien Ausgleichsmöglichkeiten: Vereine, der Jugendtreff, Musik, Sport und besonders auch stabile soziale Kontakte. Mehrfach wurde betont, dass Orte des Wohlfühlens und der Gemeinschaft entscheidend für Selbstbewusstsein und Resilienz seien. Auch die Risiken sozialer Medien, von Falschinformationen bis Cybermobbing, wurden angesprochen. Hier brauche es Orientierung, Medienkompetenz und perspektivisch klarere rechtliche Rahmenbedingungen.
Konkrete Ideen: Bürgerbudget, Jugendvertretung, Mitreden im Ausschuss
Wie aber kann Jugendbeteiligung konkret aussehen? Elisabeth Hollenhorst verwies auf die Möglichkeit von Bürgerbudgets, aus dem Projekte junger Menschen finanziert werden könnten, vorausgesetzt, sie organisieren Unterstützung und Mehrheiten. Anne Claßen hob Formate wie die aktuelle Diskussion hervor und erinnerte an bereits umgesetzte Jugendprojekte aus dem Vorgängerprozess „Beweg was!“, etwa den „Bike Park“ oder die öffentlichen Bücherschränke. Lucie Meerbecker plädierte für kurze Wege und direkte Ansprache von Kommunalpolitikerinnen und -politikern. Ein wichtiger Punkt: Jugendliche können sich in kommunale Ausschüsse einbringen. Die vorhandenen rechtlichen Grundlagen in der Gemeindeordnung eröffnen die Möglichkeit, bei ausreichender Unterstützung sogar eine Jugendvertretung zu etablieren und in Gremien mitzuwirken. Auch eine stärkere Einbindung des Schülerrates wurde angeregt.

Wenige Zuhörer, dafür aber sehr viel Applaus und Zuspruch
Trotz geringer Besucherzahl auf den Zuschauerplätzen war die Resonanz im Ratsaal positiv. Die Diskutierenden lobten die Vorbereitung, die Ernsthaftigkeit der Fragen und das Engagement der Jugendlichen. Mehrfach wurde der Wunsch nach Wiederholung und Vertiefung des Formats geäußert, etwa in Workshops oder regelmäßigen Austauschformaten. Ob die Podiumsdiskussion nachhaltig wirkt, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Ein Gradmesser könnte sein, wie viele Jugendliche sich künftig aktiv einbringen, sei es in Projekten, in Fraktionen oder in einer möglichen Jugendvertretung. Der Auftakt von „jugend.relevant!“ hat jedenfalls ein deutliches Signal gesetzt: Jugendpolitik in Wadersloh soll nicht über junge Menschen sprechen, sondern mit ihnen.
Fotos/Text: B. Brüggenthies


