Wadersloh (mw/bb). Wenn Reinhard Ottensmann in seiner kleinen Werkstatt an der Bentelerstraße in Wadersloh Säge, Bohrer und Hammer in die Hand nimmt, knüpft er an eine jahrhundertealte Familientradition an: „Mein Vater hat Holzschuhe gemacht, mein Großvater und mein Urgroßvater auch“, erzählt er. Schon als Kind war er von dem alten Handwerk fasziniert, durfte beim Spalten der Holzklötze den Hammer halten oder seinem Vater über die Schulter schauen, wenn dieser mit geübten Bewegungen den Innenraum der Schuhe glättete.
Als sein Vater die Werkzeuge 1989 beiseitelegte, drohte diese einzigartige Familiengeschichte im Zeichen des Holzschuhs zu enden. Doch 2005 entdeckte Reinhard Ottensmann die Leidenschaft neu: Er rettete alte Maschinen vor dem Verschrotten und begann, selbst Holzschuhe herzustellen: „Irgendwie fühlte ich mich wohl der Familientradition verpflichtet“, sagt er und bearbeitet einen Holzblock, aus dem Stück für Stück ein neues Paar Holzschuhe werden soll.
Ein Handwerk am Rande des Verschwindens
Heute gibt es in Deutschland nur noch wenige Holzschuhmacher, die von ihrem Beruf leben können. Für Ottensmann ist es eine nebenberufliche Tätigkeit, die er vor allem deswegen ausübt, um ein fast ausgestorbenes Kulturgut lebendig zu halten. „Holzschuhe sind atmungsaktiv, leicht und sogar eine Art Sicherheitsschuh“, erklärt er. Er trägt sie selbst beim Holzmachen. Doch er weiß auch: Wer das ungewohnte Gefühl nicht kennt, muss Geduld haben. „Bitte maximal eine halbe Stunde am Anfang – aber dafür regelmäßig“, rät er Holzschuh-Einsteigern.
Die Tradition lebt auch von Marktbegegnungen
Pro Paar Holzschuhe muss Reinhard Ottensmann rund eine Stunde Herstellungszeit einplanen. Vom Spalten des Pappel- oder Weidenholzes über das Formen an der alten Kopiermaschine bis hin zum sorgfältigen Schleifen des Innenraums: Jeder Schritt erfordert Erfahrung und Fingerspitzengefühl. Viele der speziellen Werkzeuge sind Jahrzehnte alt. So wie Holzschuh selbst sozusagen echte Raritäten, die teils noch von Hand geschmiedet wurden.
Über der Werkstatt, kurz hinter dem Ortsschild in Wadersloh in Richtung Benteler, ist ein großes Schild mit der Aufschrift „Holzschuhwerkstatt Ottensmann“ angebracht. Hier ist ein Ort des Machens, des Handwerks, aber auch eine Art Museum, in dem man in längst vergangene Zeiten eintauchen kann. Auch auf Märkten führt er vor, wie aus einem unscheinbaren Holzklotz ein Schuh entsteht. Kinder schauen neugierig zu, Erwachsene erinnern sich an die Holzschuhe ihrer Kindheit. „Manche kaufen sie aus Nostalgie, andere, weil sie wirklich darin laufen wollen“, erzählt er. Auch andere Holzprodukte werden als kleine Geschenkideen angeboten und tragen so das besondere Wadersloher Handwerk in den modernen Alltag.
Letzter seiner Zunft?
Reinhard Ottensmann ist Realist: „Im Moment sieht es so aus, dass ich wohl der Letzte in unserer Familie sein werde.“ Doch er gibt die Hoffnung nicht auf, dass jemand das alte Wissen weiterführt. Ob aus der Familie oder von außen: „Hauptsache, das Holzschuhmachen verschwindet nicht endgültig“, zeigt sich der Wadersloher zuversichtlich. Bis dahin arbeitet er weiter an seinen Holzklötzen, zeigt sein Können auf Märkten und erklärt Interessenten die einzelnen Arbeitsschritte und Vorzüge eines handgemachten Holzschuh-Paares. Ein eindrucksvoller Beitrag, dass Westfalens kulturelles Erbe auch im 21. Jahrhundert lebendig bleibt.
Fotos/Text/Video: B. Brüggenthies
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