Liesborn (mw/bb). Können zwei Instrumente, die auf den ersten Blick aus völlig unterschiedlichen Klangwelten stammen, ein gemeinsames Zuhause finden? Das Konzert von Hiyoli Togawa (Viola) und Alexej Gerassimez (Percussion) am Samstagabend lieferte darauf nicht nur eine Antwort. Es machte die Frage selbst zur Kunstform. Viele Konzerte werben mit Vielfalt. Nur wenige nehmen sie ernst. Ein Rückblick auf das besondere Konzerterlebnis „Songs and Fabrics“ im Rahmen des 55. Kammermusikfestivals zu Liesborn.
Bereits die Einführung durch Clara Hütterott, Doktorandin für Kulturvermittlung an der TU Dortmund, öffnete den gedanklichen Raum des Abends. Sie sprach über multikulturelle Ko-Existenz, über Zugehörigkeit und Fremdsein. Wann fühlt man sich zuhause? Wann nicht? Und was bedeutet das kleine Wort „Ko“ eigentlich. Bloß ein Nebeneinander oder doch ein echtes Miteinander? Es waren Fragen, die sich wie ein unsichtbarer Faden durch das gesamte Programm zogen. Festivalleiter Jörg Lopper begrüßte das Musikerpaar mit hörbarer Herzlichkeit und ans Publikum gerichtet ließ er keinen Zweifel aufkommen: „Hier bei uns sind Sie genau richtig“, sagte er. Bei der Vorstellung der musikalischen Gäste deutete er zugleich auf eine besondere persönliche Verbindung hin: Bereits mit dem Vater von Alexej Gerassimez hatte er musiziert.







Dass sich das Motto der kulturellen Begegnung nicht nur auf dem Papier fand, zeigte sich unmittelbar in den Künstlerpersönlichkeiten. Hiyoli Togawa, aufgewachsen zwischen japanischen, australischen und rheinischen Einflüssen, lässt sie den Klang ihrer Sprachen und ihrer Herkunft in ihre Musik einfließen. Und genau darin lag die besondere Kraft dieses Konzert. Vom japanischen Volkslied „Lullaby of Itsuki“ über armenische Klangwelten bei Tigran Mansurian, englische Renaissance-Melancholie bei John Dowland, brasilianische Sehnsucht bei Antônio Carlos Jobim bis hin zu Piazzollas argentinischem „Libertango“ entstand eine musikalische Weltkarte, die nicht auf Unterschiede zeigte, sondern auf Verbindungen. Die Werke wirkten nicht wie Stationen einer Reise, sondern wie unterschiedliche Dialekte derselben Sprache. Wie passend, dass im Refektorium die Evangeliar-Reise-Weltkarte mit der Aufschrift „Von Westfalen in die Welt und zurück“ indirekt auch die (musikalische) Vita der Musikerin umschreibt.
Im Mittelpunkt des Konzertabends stand dabei das nahezu symbiotische Zusammenspiel der beiden Künstler. Die Viola als Seelenstreich-Instrument, das Schlagwerk als vermeintliche Effektmaschine. Ein Gegensatz, der sich im Laufe des Abends zunehmend auflöste. Gerassimez hatte ein ganzes Arsenal klangerzeugender Objekte mitgebracht. Er rieb, schüttelte, klopfte, strich und ließ aus den unterschiedlichsten Materialien Klanglandschaften entstehen. Was zunächst nach Experiment klang, wurde zur Einladung, loszulassen und bei sich selbst anzukommen.
Gerade die leisen Momente entwickelten dabei eine fast magische Wirkung. Immer wieder legte das Schlagwerk eine warme, atmende Klangdecke über den Raum. Darüber schwebte Togawas Viola mit einer Selbstverständlichkeit, die vergessen ließ, wie anspruchsvoll diese Musik tatsächlich war. Besonders eindrucksvoll gerieten jene Passagen, in denen Togawa nicht nur spielte, sondern zugleich sang. Ihr unverwechselbarer Gesang verband sich mit dem warmen Ton der Viola zu einer Klangfarbe, die sich kaum beschreiben lässt. Im Publikum waren ungläubige Blicke zu beobachten. Immer wieder suchten die Zuhörenden den Blickkontakt zu ihren Nachbarn, als wollten sie sich vergewissern, dass andere tatsächlich dasselbe hörten. Es waren Momente jener seltenen Konzertmagie, in denen aus überraschendem Staunen euphorische Begeisterung wird.
Einen Höhepunkt setzte Alexej Gerassimez mit seiner Solokomposition „Tiventuras“ für Pauke. Was vielerorts lediglich als Orchesterinstrument wahrgenommen wird, verwandelte sich unter seinen Händen in ein komplettes Universum aus Rhythmus, Klangfarbe und Ausdruck. Mit Taktstock und bloßen Händen bearbeitete er die Kesselpauke mit einer fast chirugischen Präzision. Der kraftvolle Schluss entlud sich wie ein musikalischer Donnerschlag und ließ den Wow-Effekt förmlich durch den kleinen Konzertsaal wandern. Man konnte sich des Gedankens kaum erwehren, dass selbst der Liebermann’sche Reiter über dem Kamin im Liesborner Refektorium für einen Moment innehielt. Dieser musikalische Ritt riss das Publikum förmlich mit.
Auch nach der Pause blieb diese Spannung erhalten. Dowlands „Flow my tears“ erhielt durch die ungewöhnliche Besetzung eine berührende Zerbrechlichkeit. Ferran Cruixents eigens für Togawa und Gerassimez komponiertes „Deserts“ eröffnete faszinierende innere Klangräume zwischen Traum und Erinnerung. Jobims „O Grande Amor“ brachte einen Hauch brasilianischer Wärme in den Abend, während Piazzollas „Libertango“ in Gerassimez‘ Bearbeitung den vertrauten Tango-Rhythmus aufbrach und in neue, überraschende Richtungen führte.
Das Publikum dankte den beiden Ausnahmekünstlern mit lang anhaltendem Applaus. Verdienterweise. Denn selten gelingt es einem Konzert so überzeugend, sein eigenes Thema hörbar zu machen. Hier wurden Brücken gebaut, die für die Ewigkeit bestimmt sind. Dazu passte das Abtei-Ambiente ausgesprochen gut. Das Refektorium wurde zu einem Ort, an dem Unterschiede nicht nivelliert, sondern gefeiert wurden. Zu einem Ort, an dem sich japanische Volksmusik, armenische Moderne, englische Renaissance, brasilianischer Bossa Nova und argentinischer Tango gegenseitig die Hand reichten. Ein brückenbauendes Meisterwerk in Konzertform und eine unvergessliche und innovative Begegnung mit scheinbar konträren Klangwelten, die sich harmonisch zusammenfanden. Hier durfte man siuch für wenige Stunden einfach Zuhause fühlen. Und vielleicht war genau das die schönste Erkenntnis dieses außergewöhnlichen Abends: Zuhause ist nichts, was man zurücklässt. Zuhause entsteht dort, wo Menschen und Klänge einander wirklich zuhören. Hier gelang es eindrucksvoll.
Konzertkritk/Fotos: B. Brüggenthies


