Liesborn (mw/bb). „Wo bin ich zu Hause? Mit der Bratsche um die Welt?“ – Das war das Thema des diesjährigen Kinderkonzerts im Rahmen der Liesborner Museumskonzerte. In der ehemaligen Benediktinerabtei stand am Sonntagvormittag wieder ein besonderes Konzerterlebnis für jüngere Konzertbesucher auf dem Programm. Mit Hiyoli Togawa und ihrer Viola sowie Moderatorin Clara Hütterott stand eine Stunde lang alles im Zeichen eines besonderen Musikinstruments, aber vor allem auch die Frage: Wo bin ich denn eigentlich zu Hause?
Der Beginn der Veranstaltung wirkte vertraut: Clara Hütterott, aktuell Promotionsstudentin im Bereich der Musik- und Kulturvermittlung an der TU Dortmund, kam mit ihrem großen Reiserucksack in das Refektorium des Museums Abtei Liesborn. Gespannt verfolgten die anwesenden Familien die Ankunft der Reisenden. Clara Hütterott gelang es in Windeseile, die Kinder in ihren Bann zu ziehen. Sie sei von zu Hause ausgezogen und stellte sich nun die Frage, ja wo geht es nun eigentlich hin in meinem Leben? Wer könnte da bessere Auskunft geben als die Musikerin Hiyoli Togawa? Mit japanischen und australischen Wurzeln und aufgewachsen im Rheinland müsste sie sich doch eigentlich bestens auskennen.






Mit einem großen Applaus wurde die Musikerin in der Mitte des Refektoriums begrüßt. „Hiyoli, du kennst dich doch eigentlich ganz gut aus in der Welt, oder?“ fragte Clara Hütterott neugierig. Die rhetorische Frage beantwortete sich fast von selbst. Togawa begann den musikalischen Teil mit der iranischen Komposition „A Golden See“ von Gity Razaz. Hier ging es thematisch um das Thema einer wohlbehüteten Kindheit. Aber auch um das frühe Verlassen eines Zuhauses, bei dem man nur einen Schatz mitnehmen kann: Eine Melodie für ein ganzes Leben. Clara Hütterott dankte für die Hilfe des Publikums und der Musikerin für die Entscheidungsannäherung, wohin es denn nun gehen kann mit ihrer eigenen Reise nach einem (neuen?) Zuhause. Togawa wiederum berichtete aus ihrem Leben, wie sie im Rheinland aufgewachsen ist, Karneval und Schützenfeste kennengelernt hat, aber auch wie sie in Japan zwei Stunden lang mit der einen Oma im Tempel verbracht hat und mit der anderen Oma in Australien auf dem Traktor gesessen hat und auch mal ein Pferd ohne Sattel reiten durfte. „Ich fühle mich auf dem Planeten Erde wohl“, so das vorweggenommene Fazit der Bratschistin.









Das Thema Heimweh durfte natürlich bei der Fragestellung des Tages nicht fehlen. Welche Musik schafft es, das Heimweh ein wenig zu nehmen? Für Togawa war es ein altes japanisches Lied, das schon die Oma gespielt hatte. Der Inhalt: Ein Mädchen, was ihr Zuhause verlassen muss und das Vermissen des Zuhause. Das alles in Musik zu bringen, war eine große Herausforderung, die aber geglückt ist. Mit „Itsuki no Komoriuta“ von Toshio Hosokawa reisten die Konzertgästen mit der Bratschistin musikalisch ans andere Ende der Welt.
Etwas mitzunehmen, was einen erinnert, was kann das sein? Eine Zahnbürste, ein Pyjama und vielleicht das Handy, um Kontakt mit Freunden und Familie zu halten. Das stand für Moderatorin Clara auf jeden Fall fest. Doch was dachten die Kinder im Publikum? Welche Sachen würden sie mitnehmen? Mit einem interaktiven Malimpuls wurde zunächst das Unterwegssein ergründet. Was nimmt man da mit? Für die Kinder stand fest, klar, Spielzeug, und eventuell ein kleines Unterwegs-Buch. Ein bisschen musiktheoretisch wurde es dann auch. Das konnten Togawa und Hüteroth spielerisch wunderbar vermitteln. Wann ist ein Ton losgelöst? Wann ist er dynamisch? Wann klingt er eigentlich gut? Mit „Sparrows and Puffins“ von Lu Wang (China) gab es dann eine weitere musikalische Kostprobe, die neugierig auf das Musizieren machte.





Die Frage immer wieder, wo ist eigentlich mein Zuhause? Hiyuli Togawa erzählte eine weitere Geschichte aus ihrem Leben, wie sie als junges Mädchen heimlich den Bratschenkasten des Vaters öffnete. „Eigentlich war das für die Kinder verboten. Aber ich habe gemerkt, wie wohlig und warm der Klang dieses Instruments war.“ Als die Eltern nicht zu Hause waren, wurde der Bratschenkasten und das Musikinstrument so etwas wie ein Zuhause. „Das sieht aus wie Schokolade“, dachte sie sich innerlich. „Seit dem bin immer in Schwingung“, lachte Togawa. Und was ihr dabei auch am Sonntag sehr gut gelang: Sie gießt ihre Gefühle in Klang. Die Bratsche und ihre Melodien, das stand für Togawa fest, „das ist für mich ein Zuhause“. – „Spielt ihr auch Musik?“ fragte sie ins Publikum. Und ja, ein junges Mädchen hob die Hand und bestätigte, dass auch sie zufällig Bratsche spiele. Und wie kann das Fazit ein anderes sein? Das Leben mit der Bratsche ist das Beste. Aber natürlich gilt das auch für alle anderen Instrumente.
Auch von Konzertreisen der Weltbürgerin erfuhren die anwesenden Familien mehr. Die Konzertorte seien immer wieder spannend. So hat es zum Beispiel in Lappland ein Vorkommnis gegeben, bei dem eine 200 Rentiere den Weg zu einer Location versperrten. Um die richtige Sonntagmorgenstimmung zu treffen gab es dazu erneut ein passend Musikwerk: „Am Horizont“ von Kalevi Aho (Finnland).
„Das ist einfach magisch, wenn Menschen zusammenkommen. Das ist etwas Besonderes, ein Abenteuer“, so Togawa voller Dankbarkeit für das aufmerksame Publikum in Liesborn. Der rote Konzertfaden näherte sich seinem Ende und damit auch die Entscheidungsfindung von Clara Hütterott: „Also erst hinfahren und dann erstmal gucken. Und eigentlich ist doch die Lösung: Egal wo ich bin, es ist ein Gefühl.“ Und so endete die Reise, die nach China, Japan, Finnland und in den Iran führte, zurück ins beschauliche Dörfchen Liesborn, wo das Kinderkonzert passenderweise mit „Capriccio für Viola Solo“ von Henri Vieuxtemps ausklang.
Fotos/Text: B. Brüggenthies


