Liesborn (mw). „Wussten Sie, dass der Avatar Ihres Kindes in Online-Spielen wie Roblox sexuell missbraucht werden kann? Wissen Sie, dass immer mehr Kinder mit Deepfakes in Berührung kommen? Und wussten Sie, dass mehr als jedes vierte Kind ab 8 Jahren in sozialen Netzwerken oder Online-Spielen von Cybergrooming betroffen ist?“ Ausgehend von diesen Leitfragen stand am 12. Mai in der Aula der Grundschule Liesborn ein Thema im Mittelpunkt, das viele Familien und Schulen zunehmend beschäftigt: Die Frage, wie Kinder im Grundschulalter sicher, kompetent und altersangemessen durch die digitale Welt begleitet werden können. Rund 50 Eltern und Lehrkräfte waren der Einladung von Inge Mittag-Nienaber, Schulleitung des Grundschulverbunds Wadersloh zusammen mit Henrik Streffer und Christian Hauffen als Vertreter der Elternschaft, zu einem Themenabend mit Dr. Raphael Fehrmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der AG Grundschulpädagogik (Universität Münster), gefolgt. Ermöglicht wurde der Vortrag durch die Bürgerstiftung Wadersloh und dem Förderverein der Grundschule am Standort Diestedde.
Dr. Fehrmann nahm aktuelle Entwicklungen im digitalen Raum in den Blick, die Kinder bereits in jungen Jahren betreffen. Dabei verband er wissenschaftliche Befunde mit konkreten Beispielen aus der Lebenswelt von Kindern und Familien und zeigte, dass digitale Bildung heute weit mehr bedeutet als das Bedienen von Geräten. Er zeigte auf, wie Kinderrechte im digitalen Raum gestärkt werden können, also das Recht auf Schutz, auf altersangemessene Entwicklung und auf Bildung auch unter den Bedingungen von Künstlicher Intelligenz. „Mit meinem Vortrag möchte ich sensibilisieren für gegenwärtige Entwicklungen im digitalen Bereich, Wissen über Technologien vermitteln und Handlungsoptionen aufzeigen hin zur zielgerichteten, nachhaltigen Vermittlung digitaler Kompetenz. Zudem unterstütze ich das Plädoyer der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina für handyfreie Zeiten an Schulen. Machen wir uns gemeinsam auf den Weg für unsere Kinder“, so Dr. Fehrmann.
In seinem Vortrag erläuterte er unter anderem, wie stark Kinder heute schon früh mit Sozialen Medien, Messenger-Diensten, Videoplattformen und digitalen Spielen in Berührung kommen. Dabei ging es nicht nur um Nutzungszeiten, sondern vor allem um die strukturellen Bedingungen digitaler Medienwelten: um Empfehlungsalgorithmen, also automatisierte Systeme, die Inhalte passend zum vermuteten Interesse auswählen, um unsichtbare Datenverarbeitung im Hintergrund und um Plattformmechanismen, die Aufmerksamkeit binden und emotionalisieren können. Ausführlich thematisierte der Referent auch problematische Entwicklungen wie Cybergrooming, also die gezielte Kontaktaufnahme mit Minderjährigen im Internet mit sexueller Absicht, Cybergewalt in Form von Erniedrigung, Bedrohung oder Bloßstellung im digitalen Raum sowie problematische Challenges, Kettenbriefe und extrem belastende Gewaltinhalte. Mit Blick auf Künstliche Intelligenz hob er insbesondere Deepnudes hervor, also KI-basiert erzeugte Nackt- oder sexualisierte Darstellungen realer Personen ohne deren Einwilligung, die eine neue Form digitaler Persönlichkeitsrechtsverletzung darstellen.
Gerade für Kinder und junge Heranwachsende seien solche Entwicklungen besonders relevant, weil sie Risiken häufig noch nicht sicher einschätzen können und technische Strukturen zu wenig hinterfragen, so Dr. Fehrmann. Er machte deutlich, dass digitale Kompetenz deshalb sowohl technisch-reflektierende Fertigkeiten umfasst als auch die Kompetenz, Inhalte zu bewerten, Risiken zu erkennen, Privatsphäre zu schützen und verantwortungsvoll digitale Technologien mitzugestalten.
Trotz der teils belastenden Beispiele gelang es Dr. Fehrmann, einen differenzierten Blick auf Potenziale und Risiken zu eröffnen und klare Handlungsoptionen zu benennen: „Begleiten Sie Ihre Kinder eng im Medienkonsum, seien Sie Vorbild und fördern Sie ethisches Handeln, Kreativität und Fantasie.“ In der anschließenden Diskussion zeigte sich das große Interesse des Publikums: Viele Eltern und Lehrkräfte nutzten die Gelegenheit, Fragen zu stellen, Erfahrungen zu schildern und über gemeinsame Orientierungen für Schule und Familie ins Gespräch zu kommen.

Der Themenabend machte deutlich, dass digitale Bildung, Schutz und Aufklärung heute eng zusammengehören. Gerade im Grundschulalter brauche es verlässliche Erwachsene, die Kinder nicht mit digitalen Herausforderungen allein lassen, sondern sie schrittweise zu einem reflektierten und sicheren Umgang befähigen.
Quelle: Elternvertretung Grundschulverbund Wadersloh



