Diestedde (mw/bb). Mit viel Fingerspitzengefühl, ein wenig Geduld machten sich Thea und ihre Brüder Leonard und Johann gemeinsam mit Balthasar, Gloria und Lioba ans Werk. Zusammen mit weiteren Kindern bauten sie im Diestedder Backhaus ihren eigenen Palmhahn und tauchten dabei tief in eine Tradition ein, die in Diestedde seit Generationen gepflegt wird. Der Hintergrund dieses besonderen Brauchs liegt im Palmsonntag, der in der christlichen Liturgie an den Einzug Jesu in Jerusalem erinnert, zugleich aber auch den Beginn seines Leidens markiert. In Diestedde hat sich daraus über die Jahrzehnte, genauer gesagt bereits seit dem 19. Jahrhundert, eine eigene Form der Feier entwickelt: Eine Prozession mit kunstvoll gestalteten Palmstöcken, gekrönt von einem sogenannten Palmhahn.

Am Samstagnachmittag herrschte im Backhaus reges Treiben. Der Heimatverein Diestedde hatte erneut zum traditionellen Palmhahnbasteln eingeladen. Ein Teil der diesjährigen Kommunionkinder sowie weitere Gäste folgten dem Aufruf und machten aus dem Fachwerkhaus eine Werkstatt. Unter fachkundiger Anleitung entstanden dort die rund 60 Zentimeter langen Palmstöcke. Jeder Stock ein kleines Unikat und in in liebevoller Handarbeit von Stefan Knubel geschnitzt, der das Handwerk vor zwei Jahren von seinem Vater Alois übernommen hat und das Schnitzen auch direkt vor Ort demonstrierte. Die Rinde der Weidenstöcke wird dabei vorsichtig abgeschält. Mit Werkzeugen werden feine Späne abgezogen, sodass sich kleine „Krönchen“ formen. Anstelle klassischer Palmzweige wird Buchsbaum verwendet. Rote Bänder und Äpfel stehen symbolisch für das Blut Jesu, während drei Gebäckringe die Dreifaltigkeit darstellen. Der Palmhahn selbst erinnert an die Verleugnung des Apostels Petrus, zugleich aber auch an die Hoffnung auf die Auferstehung.
Dass der Brauch weit über die Ortsgrenzen hinaus Interesse weckt, zeigte auch die Anreise von Theresia und ihrer Familie aus Bad Salzuflen. Auslöser war ein Video im Internet: „So etwas Besonderes muss man vor Ort erleben“, erklärte sie. Für sie sei das gemeinsame Basteln eine bleibende Erinnerung. Trotz der lebendigen Atmosphäre fiel in diesem Jahr jedoch auf: Die Zahl der Anmeldungen für die Palmhahnwerkstatt war geringer als in den Vorjahren. Umso wichtiger ist es für die Organisatoren, die Tradition weiterhin sichtbar und erlebbar zu machen. Auch am Samstag wurden die Palmhahnhandwerkerinnen und -handwerker tatkräftig unterstützt: Annette Nienaber und Renate Lütkebomk-Sievers vom Heimatverein Diestedde begleiteten das Basteln und erläuerterten die genaue überlieferte Vorgehensweise.




Der Diestedder Palmstock ist nicht nur schön azusehen, er ist Ausdruck von Glauben, Handwerk und Gemeinschaft. Die Faszination für diese besondere Tradition ist ungebrochen. Der Höhepunkt folgt traditionell am morgigen Palmsonntag: Die Gläubigen versammeln sich vor dem Seniorenzentrum Haus Maria Regina, wo die Palmstöcke gesegnet werden. Anschließend zieht die Prozession zur Nikolauskirche, wo Diakon Martin Voß gemeinsam mit den Familien die „Familienkirche mit Esel Möhre“ feiert.
Fotos/Text: B. Brüggenthies


