Liesborn (mw/bb). Mit dem „TanzDrama: Bewegte Geschichte“ haben Kumiko und Christoph Ogawa-Müller (Enger) ein ehrgeiziges Projekt auf die Bühne gebracht. Im historischen Ambiente des Klosterhofs Liesborn verband die zweite Aufführung der Inszenierung (Anm. d. Red.: Die Uraufführung erfolgte am Tag zuvor in der Stiftskirche zu Enger) am Sonntagabend europäische Geschichte mit japanischer Märchentradition. Ein interkulturelles Panorama durch die Weltgschichte, das ebenso ambitioniert wie fordernd war. Im Zentrum des Werks steht die historische Figur der Königin Mathilde (dargestellt von Christina Nolte), Ehefrau Heinrich des I. und Mutter Otto I. Ihre Biografie wird in einen traumartigen Dialog mit der japanischen Legende um Prinzessin Kaguya (dargestellt von Sopranistin Aiko Bormann) gesetzt.


Zwischen Breakdance und Barock…
Was beeindruckte, war die stilistische Bandbreite: Klassisches Ballett (überzeugend dargeboten von Keiko Mariyama) traf auf zeitgenössischen Ausdruckstanz, folkloristische Elemente auf kraftvollen Breakdance. Gerade die Mitglieder der Berliner Formation „The Blueprint“ bildeten hier einen beeindruckenden Kontrast zu den lyrischen Erzähl-Momenten des Balletts und den solistischen Einlagen im Klosterhof. Auch musikalisch spannte der Abend einen weiten Bogen: Von barocken Chorwerken (u.a. mitgestaltet vom Kammerchor an St. Margareta und dem Ensemle Musica Noema St. Petersburg unter Leitung von Dr. Elena Potthast-Borisovets) bis zu zeitgenössischen Kompositionen, von europäischer Sakralmusik bis zu fernöstlichen Klängen für Koto und Schlagwerk. Die Chormusik überzeugte mit klanglicher Geschlossenheit. Die Chor-Passagen verliehen dem Werk eine spirituelle Tiefe.

… mit starken Bühnenbildern
Das Bühnenbild gehört zu den stärksten Elementen der Aufführung. Projektionen wie der „Bambuswald“, der „Mond“, „Garten“ oder der „Morgenglanz“ schuffen atmosphärische Räume, die den interkulturellen Dialog visuell unterstrichen. Hier gelang, was der überaus komplexen Handlung nicht immer glückte: Eine sinnlich nachvollziehbare Verbindung beider Welten. Die Bildsprache war poetisch und trug das Publikum auch durch längere musikalische Passagen. Die Erzählstruktur selbst erwies sich aber als äußerst komplex. Die historischen Bezüge vom ottonischen Reich bis zur Gründungsidee der Vereinten Nationen wurden mit märchenhaften Motiven, philosophischen Reflexionen und aktuellen politischen Anspielungen verwoben. Dieser hohe inhaltliche Anspruch führt streckenweise zu einer Überladung. Die Sprech-Einschübe zwischen den musikalisch-tänzerischen Darbietungen lieferten zwar gedankliche Vertiefung, nehmen dem Stück jedoch auch etwas Dynamik. Die erste Pause im Klosterhof gab es nach 120 Minuten Spielzeit.
Bewegende Momente trotz einiger leerer Stühle im Klosterhof
Ungeachtet dieser Längen entfaltet das „TanzDrama“ immer wieder eindrucksvolle Momente. Wenn Chor, Tanzensemble und Solisten in großer Geschlossenheit agierten, entstand genau die emotionale Wucht, die das ambitionierte Gemeinschafts-Projekt anstrebte: Ein künstlerisches Plädoyer für Güte, Wahrheit und Frieden. Bedauerlich nur, dass viele Plätze im Saal leer blieben. Ein Werk von solcher inhaltlicher und organisatorischer Größe hätte ein größeres Publikum verdient, auch wenn es diesem einiges an Konzentration abverlangt hätte. Die Gesamtkonzeption vom „TanzDrama“ ist keine leichte Theaterabendkost, sondern bedarf viel Aufmerksamkeit. Die Stärke lag in der künstlerischen Qualität von Chor und Tanz sowie dem farbenfrohen Bühnenbild. Wer sich auf diese komplexe Gedankenwelt einließ, erlebte einen eindrucksvollen, wenn auch fordernden Abend. Aber genau das macht Kultur ja auch aus!? Weitere Aufführungen finden am 24. Februar 2026 in der Stiftskirche Enger sowie am 5. März 2026 um 18 Uhr im Japanisch-Deutschen Zentrum Berlin statt.
Bildergalerie: „TanzDrama“ im Klosterhof









Das TanzDrama ist eine Kooperation der evangelischen Stiftskirche Enger mit der katholischen Pfarrei St. Margareta Wadersloh und wird im Rahmen des Festivals PhonArt Enger präsentiert. Gleichzeitig eröffnet die Aufführung die Reihe der Geistlichen Abendmusik 2026, die unterstützt wird vom Verein zur Förderung der Kirchenmusik an St. Margareta Wadersloh.
Konzertkritik/Fotos: B. Brüggenthies


