Wadersloh (mw/bb). Die Windenergie war eines der zentralen Themen im Umweltausschuss der Gemeinde Wadersloh am 28. Januar. Neben einem Sachstandsbericht zum Regionalplan Münsterland stand insbesondere die Projektvorstellung der Firma ProWind für drei neue Windenergieanlagen im Bereich Herzebrockweg/Waldliesborner Straße auf der Tagesordnung. Die Präsentation des Vorhabens löste eine intensive politische Diskussion über Nutzen, Risiken, Systemfragen der Energiewende und die Rolle der Gemeinde Wadersloh aus.
Regionalplan setzt neuen rechlichen Rahmen für Windenergieanlagen-Bau
Die Verwaltung informierte zunächst über den aktuellen Stand des Regionalplans Münsterland, der mit seiner letzten Änderung am 17. April 2025 Rechtskraft erlangt hat. Gleichzeitig wurde das Erreichen des regionalen Teilflächenziels für den Ausbau der Windenergie festgestellt: In der Planungsregion Münster sind Windenergiegebiete mit einer Gesamtfläche von 12.670 Hektar ausgewiesen. Mit dieser Feststellung hat sich auch das Planungsrecht grundlegend geändert. Windenergievorhaben außerhalb dieser Windenergiegebiete sind nicht mehr privilegiert, sondern gelten als „sonstige Vorhaben“ nach § 35 Abs. 2 BauGB. Baurecht kann dort nur noch über eine sogenannte Positivplanung im Rahmen der Bauleitplanung erlangt werden. Die bisherigen Konzentrationszonen der Gemeinde Wadersloh sind damit obsolet.
Der Rat hatte bereits beschlossen, für zwei Vorhabengebiete entsprechende Positivplanungen (34. und 35. Änderung des Flächennutzungsplans) einzuleiten. Beide Verfahren konnten bislang nicht abgeschlossen werden, da die Bezirksregierung Münster verschiedene Hemmnisse festgestellt hatte. Inzwischen laufen Nachbesserungen der Planungsunterlagen. Künftig müssen neue Windenergiegebiete zudem als sogenannte Beschleunigungsgebiete im Flächennutzungsplan ausgewiesen werden.
Zusätzlich gibt es nun das neue Vorhaben der Firma ProWind im Bereich Herzebrockweg. Die Berichterstattung zur Projektvorstellung und die politische Diskussion ist mit einem MW+Unterstützer-Abo abrufbar.
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Projektvorstellung: ProWind stellt Plan für den „Bürgerwindpark Liesborn“ vor
Die Firma ProWind aus Osnabrück, vertreten durch Andreas König und Ludger Hagemann, stellte ihr Projekt „Bürgerwindpark Liesborn“ vor. Geplant sind drei Windenergieanlagen in unmittelbarer Nähe zur bestehenden Anlage am Zentralklärwerk Wadersloh. Die vorgesehenen Standorte liegen teils im Überschwemmungsgebiet, das laut ProWind weiterhin als Retentionsraum nutzbar bleibe.

Die wesentliche Eckdaten des Bauvorhabens:
- Es sollen drei Anlagen mit Gesamthöhen zwischen 200 und 261 Metern entstehen
- Der erwartete Netto-Windertra liegt bei rund 16,7 Mio. kWh pro Anlage und Jahr
- Die Gesamtproduktion sieht ca. 50 Mio. kWh jährlich vor
Zum Artenschutz wurde erläutert, dass keine relevanten Beeinträchtigungen geschützter Arten erwartet würden. Für den Kiebitz sei eine Kompensationsmaßnahme in Form von drei Hektar Extensivgrünland mit Blänke vorgesehen. Die Flächen befinden sich teilweise im Eigentum der Gemeinde Wadersloh. Nutzungsverträge mit privaten Eigentümern seien bereits geschlossen. Die Laufzeit beträgt 30 Jahre. Grundstückseigentümer, Kommune sowie Bürgerinnen und Bürger sollen Beteiligungsangebote erhalten. Anwohner im Umkreis von 2,5 Kilometern müssten nach dem Bürgerenergiegesetz beteiligt oder entschädigt werden, so die Projektkoordinatoren. Für die Gemeinde stellt ProWind Einnahmen von 0,2 Cent pro eingespeister Kilowattstunde in Aussicht. Weitere Vorteile seien Stromlieferverträge, lokale Wertschöpfung, Einbindung regionaler Unternehmen und eine Stärkung der kommunalen Rolle in der Energiewende.
Der grobe Zeitplan: Entscheidung über Zusammenarbeit 2025, Gutachten ab 2026, Genehmigung 2028, Bau 2029 und eine Inbetriebnahme in 2030.
Kritische Nachfragen zu Lärm, Landschaftsbild und den Systemkosten
In der anschließenden politiuschen Diskussion meldeten sich vor allem die Vertreter der AfD und CDU kritisch zu Wort. Wolfgang Kraume (AfD) verwies auf persönliche Erfahrungen mit Lärm und Schattenwurf aus früheren Jahren (2008) und fragte nach Garantien für Emissionsfreiheit. ProWind entgegnete, dass heute deutlich strengere Vorgaben gelten: Nachts dürften 45 Dezibel nicht überschritten werden, moderne Anlagen würden bei Bedarf automatisch gedrosselt oder abgeschaltet. Ursula Kraume (AfD) stellte grundsätzliche Fragen zur Versorgungssicherheit, fehlenden Speichern, Landschaftszerschneidung, Naturzerstörung und Haftung bei Schäden. Zudem bezweifelte sie den Nutzen weiterer Anlagen für die Gemeinde.

Dr. Ulrike Keitlinghaus (CDU) sprach von erheblichen Systemkosten der Energiewende: Erzeugung, Netzausbau, Speicher und ein redundantes Energiesystem führten zu massiven Belastungen. Windräder seien „Industrieanlagen in der Landschaft“ und eine „optische Belastung“. Die zentrale Frage laute, was die Bürgerinnen und Bürger in Wadersloh konkret davon hätten. Das Münsterland habe seinen Beitrag im Windenergieausbau bereits übererfüllt. Man solle erst andere Säulen nachziehen lassen, damit das ganze System nicht aus dem Ruder läuft, so die CDU-Politikerin aus Diestedde. Auch hinsichtklich des hohen Energiehungers von KI müsse mehr über die Grundlastfähigkeit nachgedacht werden. Ihr Parteikollege Matthias Arndt (CDU) thematisierte die Rolle externer Investoren und fragte, wie sichergestellt werde, dass Gewerbesteuereinnahmen tatsächlich vor Ort verbleiben. ProWind erklärte, dass der Firmensitz für das Projekt in der Gemeinde liegen solle. Verwaltungsseitig ergänzte Norbert Morfeld, dass 90 Prozent der Gewerbesteuer bei der Standortkommune verbleiben.
Neben den eher ablehenden Haltungen warb Ruth Lutterbüse (Grüne) dafür, die Diskussion sachlich zu führen und erinnerte daran, dass auch andere Energieformen hohe Folgekosten verursachen. Blockadehaltung helfe nicht weiter. Wenn man nichts tue, gebe es auch keine Fortschritte bei Klimaschutz und Versorgung. Regenerative Energie sei wichtig, beim Netzausbau müsse allerdings etwas passieren, stellte sie heraus. Boris Joraschky (FWG) sprach sich dafür aus, zumindest den Einstieg in das Verfahren zu wagen: Das Risiko für die Gemeinde sei gering, da der Vorhabenträger zunächst die Planungskosten trage. Die FWG sei grundsätzlich pro Windenergie, sehe aber ebenfalls den dringenden Bedarf beim Speicherausbau.
ProWind betonte zudem mehrfach auf die Fragen der Politik, dass die dezentrale Stromerzeugung ein wichtiger Schritt hin zu mehr Unabhängigkeit sei. Windenergie sei aktuell die sauberste verfügbare Technologie. Langfristig (in 30-50 Jahren) könne es neue Lösungen wie Fusionsenergie geben, bis dahin sei Windkraft eine sinnvolle Übergangstechnologie. Mehrfach wurde das Thema PFAS (Ewigkeits-Chemikalien) angesprochen. Hier gaben die Experten Entwarnung: Die Flügelbeschichung wurde optimiert. Es werde in Schichten gebaut, die trennbar sind vor Ort. Der Abrieb und ein möglicher Austausch werden regelmäßig kontrolliert, so König und Hagemann vomn ProWind. Für jedes Projekt sei im Fokus, direkt vor Ort bei den Anlagen auch Speicherlösungen zu schaffen.
AfD beantragt Ablehnung – Umweltausschuss überlässt Entscheidung dem Rat
Die AfD-Fraktion stellte bereits vor der Sitzung einen Änderungsantrag mit dem Ziel, dem Vorhaben keine positive Stellungnahme zu geben und keine Bauleitplanung einzuleiten. Begründet wurde dies unter anderem mit rechtlichen Risiken, Kumulationseffekten, fehlenden Gutachten, Gesundheitsgefahren und grundsätzlicher Ablehnung staatlich gesteuerter Energiewende (im Wortlaut: „ideologisch getriebene Planwirtschaft“). Bürgermeister Christian Thegelkamp hielt dagegen: Kommunen hätten ausdrücklich die Möglichkeit zur sogenannten „Positivplanung“. Jedes Vorhaben berge Risiken, das finanzielle Risiko trage jedoch der Projektierer, nicht die Gemeinde. Zudem sei eine frühzeitige Öffentlichkeitsbeteiligung vorgesehen, die im öffentlichen des Umweltausschusses bereits ihren Anfang nahm. Ein kurzfristig eingeganger „Anliegerbrief“ fand ebenfalls Erwähnung (Anm. d. Red.: Dieser wurde der Presse nicht vorgelegt, der Inhalt ist unserer Redaktion daher nicht bekannt).
Am Ende folgte der Umweltausschuss unter Leitung von Olaf Smyczek (SPD) mehrheitlich bei einem gemeinsamen Antrag von CDU, FWG, SPD und Grünen die Entscheidung nach Beratungen in den Fraktionen dem Rat zu überlassen. Der AfD-Antrag fand keine Mehrheit.
Fotos/Text: B. Brüggenthies



