Wadersloh (mw/bb). Wer „Tali’s Bike Shop“ an der Stromberger Straße betritt, merkt nach wenigen Sekunden: Das hier ist kein gewöhnlicher Fahrradladen. Ein Mann mit markantem Bart, ein wenig Pomade im Haar und Muskel-Shirt schiebt ein altes Rennrad an seinem Werkstattplatz vorbei. Um ihn herum stehen restaurierte Rennrad-Klassiker neben den Rädern der Kunden. Im Hintergrund wird konzentriert geschraubt.




An den Wänden hängen schwarz-weiß-Bilder, ein massiver Holzschrank erzählt von vergangenen Jahrzehnten, während warme Grüntöne und braune Vintage-Akzente den Raum prägen. Besonders ins Auge fallen zwei alte Volkswagen-Kleinwagen als Dekoration – möglicherweise eine Reminiszenz an die frühere Autowerkstatt-Nutzung der Immobilie. Dazwischen glänzen sorgfältig platzierte Zweirad-Werkzeuge, alte Emaille-Schilder und liebevoll ausgewählte Dekorationen.
Die Fahrrad-Werkstatt ist aufgeräumt, der angrenzende Showroom wirkt hochwertig und gleichzeitig einladend. Es fühlt sich ein wenig so an, als hätte jemand ein Stück Amerika der 1950er- und 1960er-Jahre zu uns nach Wadersloh gebracht. Taulant Hashani – in Wadersloh kennen ihn viele nur als Tali – lebt dieses Lebensgefühl seit vielen Jahren. Der Stil der amerikanischen Nachkriegszeit, klassische Werkstätten, ehrliches Handwerk, Freiheit und Individualität faszinieren ihn. Sein eigener markanter Look ist nicht nur ein modisches Statement. Er gehört zu seiner Persönlichkeit und auch zu seinem beruflichen Selbstverständnis.






Mehrfach reiste Tali in den letzten Jahren in die USA. Besonders Arizona und New York haben ihn nachhaltig geprägt. Während ihn in Arizona die entspannte Atmosphäre und die rustikalen Bike Shops begeisterten, liebt er an New York die Energie, die Kreativität und die unzähligen kleinen Details, die sich überall entdecken lassen. Der Auslandsaufenthalt war dabei kein Abklappern von Sehenswürdigkeiten. Wann immer sich die Gelegenheit bot, zog es ihn in Fahrradläden und -werkstätten. Dort half er freiwillig und unentgeltlich in Werkstätten mit, schraubte ein wenig an Fahrrädern, sprach mit Mechanikern und Kunden und nahm jede einzelne Erfahrung mit zurück nach Deutschland.
„Ich wollte einfach diese Atmosphäre erleben und verstehen“, erzählt Tali. Bezahlt wurde er dafür nie. Sein Lohn waren Eindrücke. Ideen. Und das Gefühl, genau den Weg gefunden zu haben, den er selbst einmal gehen wollte: die berufliche Selbstständigkeit mit eigenem Bike Shop.
Aus einem Beruf wurde eine Berufung
Dabei war das nicht immer selbstverständlich. Als Tali 2014 seine Ausbildung im Fahrradhandwerk begann, stand zunächst das Geldverdienen im Vordergrund. Erst mit den Jahren entwickelte sich aus dem Beruf eine echte Leidenschaft. „Mit Geld kannst du keine Leidenschaft kaufen. Entweder hast du sie oder du hast sie nicht.“ Dieser Satz beschreibt wohl am besten, warum heute jedes Detail seines Geschäfts an der Stromberger Straße genau so aussieht, wie es aussieht: Rund 50 historische Fahrräder besitzt der 33-Jährige inzwischen. Viele davon hat er vor der Verschrottung bewahrt, restauriert und ihnen neues Leben eingehaucht. Jedes einzelne erzählt seine eigene bewegte Geschichte. Die Räder sind keine Verkaufsware. Sie gehören zum Laden.




Wer sich umsieht, entdeckt immer wieder neue Besonderheiten: Alte italienische Rennräder hängen unter der Hallendecke. Ein Hochrad erinnert an die Anfänge des Radfahrens. Der massive Holzschrank am Rolltor am Eingangsbereich trifft auf Industrieelemente. Bilder, Werkzeuge und Erinnerungsstücke fügen sich zu einem stimmigen Gesamtbild zusammen. Jedes Möbelstück, jede Farbe und jede Dekoration wurde bewusst ausgewählt. Die grüne Wandfarbe erinnert an klassische amerikanische Barbershops. Die braunen Holzakzente verleihen dem Raum Wärme. Die offene Werkstatt zeigt, dass hier noch echtes Handwerk gelebt wird.
Der Verkaufsraum gleicht hingegen eher einem liebevoll gestalteten Showroom als einem klassischen Fahrradgeschäft. „Die Leute sollen hier reinkommen, sich wohlfühlen, reden, lachen und mit einem guten Gefühl wieder nach Hause gehen“, sagt Tali. Genau das spürt man. Immer wieder kommen Kundinnen und Kunden in den Shop und fragen nach einer Reparatur, einem Ersatzteil oder sagen einfach nur kurz „Hallo“.
Zurück dorthin, wo sich alles richtig anfühlt
Obwohl Tali die letzten Jahre in Beckum arbeitete, zog es ihn immer wieder nach Wadersloh zurück. Wegen der Menschen. Schon während seiner Ausbildungszeit in Wadersloh lernte er die besondere Atmosphäre des Dorfes kennen. Die kurzen Gespräche auf dem Kirchplatz, das freundliche Grüßen und das familiäre Miteinander blieben ihm in Erinnerung. Erst Jahre später wurde ihm bewusst, dass viele Kunden nicht nur wegen ihrer Fahrräder kamen. Sie fragten gezielt nach ihm. „Ich habe immer gedacht, sie kommen wegen der Arbeit. Irgendwann habe ich gemerkt, dass sie auch wegen mir gekommen sind“, lacht Tali und fasst sich kurz an den Kopf. Für ihn ist genau das das größte Kompliment. Nicht weil er sich in den Mittelpunkt stellen möchte, sondern weil Vertrauen für ihn wichtig ist.
Ein Fahrradladen mit amerikanischem Lebensgefühl im Herzen Waderslohs
Der Weg in die Selbstständigkeit verlief nicht über Nacht und brauchte Zeit. Mit seinem Meisterbrief in der Hand hätte der 33-Jährige den Schritt in die Selbstständigkeit theoretisch sofort gehen können. Doch er wartete bewusst, sammelte Erfahrungen und sparte. Als dann eine passende Immobilie frei wurde, ergab sich die Chance. Unter anderem mithilfe der Wirtschaftsförderung der Gemeinde Wadersloh und vor allem durch einen Hinweis der befreundeten Familie Stratkötter, wurde Tali auf den Leerstand an der Stromberger Straße 7b aufmerksam.


Wochenlang wurde anschließend gebaut, gestrichen, eingeräumt und dekoriert. Freunde halfen bis spät in die Nacht. Besonders sein langjähriger Freund Marvin Langner packte unzählige Stunden mit an. Die letzten Wochen vor der Eröffnung bestanden häufig aus 15-Stunden-Tagen. „Motivation kommt und geht“, sagt Tali. „Aber meine Obsession hat mich wohl getragen“, stellt Tali mit einem verschmitzten Lächeln fest. Der Einsatz hat sich gelohnt: Anfang August feierte „Tali’s Bike Shop“ seine Neueröffnung mit mehreren hundert Gästen.

Einer der bewegendsten Momente: Unter den Gästen war auch sein ehemaliger Meister Heinz Rossol. Tali war Rossols letzter Auszubildender, bevor dieser vor einigen Jahren in den Ruhestand ging. Gemeinsam gingen sie durch den neuen Laden. Sein damaliger Meister war stolz und hatte eine gerahmte Karikatur als Geschenk dabei: Beide mit Werkzeug in der Hand beim Schrauben an Tali’s Zukunft (in diesem Fall am damaligen Meisterstück des Neugründers).
Ein Ort mit Charakter
Bei Tali und seiner Aushilfe Niklas Zimmermann werden natürlich an erster Stelle Fahrräder repariert. Klassische Räder, Rennräder oder E-Bikes – Fachkompetenz und Qualität stehen für ihn an erster Stelle. Doch eigentlich „verkauft“ er etwas anderes: Zeit, Vertrauen, gute Gespräche. Die Menschen in Wadersloh freuen sich darüber, dass ihr Dorf wieder einen Fahrradladen hat und vor allem Tali zurück ist. Vor dem Geschäft halten immer wieder kurz Passanten an und werfen einen Blick in die Werkstatt. „Es ist so schön, dass wir in Wadersloh wieder einen Fahrradladen haben. Ich wollte gleich direkt einen Termin machen. Schön, dass die Wege jetzt wieder kürzer sind“, sagt eine radelnde Dame und schnallt ihren Helm ab, um im Ladeninneren zu verschwinden.

Auch nach der Eröffnungswoche geht es engagiert weiter. Als leidenschaftlicher BMX-Fahrer möchte Tali künftig noch mehr rund um das Thema Fahrrad bewegen. Er träumt von gemeinsamen Ausfahrten, BMX-Contests am Skatepark und kleinen Veranstaltungen. Dinge, die Menschen zusammenbringen und das Fahrrad als Lebensgefühl erlebbar machen. „Ich möchte wirklich etwas bewegen“, sagt Tali. Gemeint sind nicht nur Fahrräder, sondern Menschen.
Wer aus „Tali’s Bike Shop“ rausgeht, nimmt ein Stück des Lebensgefühls mit, für das Tali seit Jahren brennt. Irgendwo zwischen New York, Arizona, der Route 66 und dem Münsterland. Und vielleicht ist genau das das Besondere an dem neuen Fahrradladen: Nicht ausschließlich die Zweiräder machen diesen Ort besonders, sondern der Mensch dahinter. Tali hat das Fahrrad mit so viel Leidenschaft in den Mittelpunkt seines Lebens gestellt, dass er auch der alten Immobilie an der Stromberger Straße einen neuen Charakter verliehen hat.
Tali’s Bike Shop
Anfahrt: Stromberger Straße 7b, 59329 Wadersloh
Öffnungszeiten: Mo, Di : 9-12 & 13-16; Mi : 9-12; Do, Fr : 9-12 & 13-16; Sa : 9-12
Kontaktdaten: Tel. 02523-9930311 | Instagram
Fotos/Text: B. Brüggenthies; Disclaimer: Werbung


