Liesborn (mw/bb). Wenn die wohl kleinste Zeitung NRWs auf die größte Agri-PV-Anlage in NRW trifft, dann ist eine spannende Geschichte nicht weit. Also rauf aufs sonnenbetriebene Redaktions-E-Bike und ab nach Liesborn. Dort drehte sich am Donnerstagvormittag alles rund um eine kleine Kostbarkeit mit großer (Sonnen-) Strahlkraft. Rund drei bis vier Gramm bringt sie auf die Waage. Klein, blau, unscheinbar und doch steckt in ihr eine erstaunliche Geschichte. Die Heidelbeere ist längst in aller Munde. Und die kleinen Früchtchen in Liesborn bewegen nicht nur den Geschmackssinn, sondern ganz NRW.



Die mit der Redaktions-Küchenwaage ausgewogene Beerenfrucht stammt von der Benninghauser Straße. Auf dem Hof Hoberg ist sie groß geworden und zusammen mit ihren süßen Artgenossen steht sie für einen großen Schritt in Richtung Zukunft: Über den Heidelbeersträuchern spannt sich nun eine der größten Agri-Photovoltaikanlagen Deutschlands. Mit 40.000 Modulen, 23 Megawatt Leistung und einer Fläche von 17 Hektar ist das Projekt die derzeit größte Agri-PV-Anlage in Nordrhein-Westfalen. Die wenige Gramm schwere Heidelbeere wird damit zum Botschafter für die große Idee einer Doppelnutzung: Weiterhin Landwirtschaft betreiben, aber gleichzeitig auch Energie erzeugen und sogar das Klima schützen.
„Ein Meilenstein fällt nicht vom Himmel“
„Ein Meilenstein fällt nicht vom Himmel“, sagte Philipp Hoberg bei der offiziellen Einweihung der Anlage. Und dieser Satz beschreibt ziemlich genau, was hinter dem Projekt steckt: Fünf Jahre lang wurde geplant, diskutiert, gerechnet und überzeugt. Rund 30 Informationsveranstaltungen für Politik, Interessierte und Entscheidungsträger fanden statt. Viele Gespräche, viele zusätzliche Stunden und auch manche schlaflose Nacht gehörten dazu. Ursprünglich stand sogar ein klassischer Folientunnel als mögliche Lösung im Raum. Die Heidelbeeren sollten vor extremer Sonne und Hagel geschützt werden. Doch schnell wurde klar: Eine große Menge Plastikfolie passt nicht zu dem ökologischen Anspruch, den Familie Hoberg verfolgt. Also musste eine andere Idee her. Und diese Idee wurde Realität: Photovoltaik über Heidelbeeren.
Ein Schutzschirm für Beeren und für das Klima
Die Anlage ist bereits seit rund drei Wochen am Netz. Zwei Millionen Kilowattstunden Strom wurden in dieser kurzen Zeit bereits erzeugt. Doch nicht nur die Energieproduktion überzeugt: Auch die erste Ernte unter den neuen Bedingungen zeigt positive Effekte. Die Vorteile sind unmittelbar sichtbar. Die Solarmodule schützen die empfindlichen Pflanzen vor extremer Hitze, Starkregen und Hagel. Gerade die vergangenen Wetterextreme haben gezeigt, wie wichtig solche Lösungen werden. Denn Heidelbeeren mögen zwar Sonne, aber nicht die volle Kraft der immer heißeren Sommer.




„Bei 40 Grad hatten wir am Ende teilweise nur noch Rosinen am Strauch“, hatte Hoberg bereits während der Bauphase im Vorjahr berichtet. Jetzt sorgt die Anlage für ein ausgeglicheneres Klima unter den Modulen. Die Qualität der Früchte habe sich bereits merklich verbessert. Und auch die Mitarbeitenden profitieren: Wer bei hohen Temperaturen stundenlang Beeren per Hand pflückt, weiß einen schattenspendenden Schutz über der Plantage zu schätzen. Die kleine Heidelbeere bekommt damit einen großen Schutzschirm. Und gleichzeitig entsteht ein zweiter Ertrag: Grüner Strom.
NRW-Ministerin Neubaur: „Diesen Termin musste ich möglich machen“
Für Wirtschafts- und Klimaschutzministerin Mona Neubaur (Bündnis 90/DIE GRÜNEN) war der Termin in Liesborn ein besonderer. Die Anreise aus Düsseldorf sei nicht gerade ein Katzensprung gewesen. Doch als sie die Einladung erhielt, habe sie in ihrer Terminplanung spontan notiert: „Juhu – auf alle Fälle möglich machen.“ Und dieses „Juhu“ erklärte die stellvertretende Ministerpräsidentin auch vor Ort. Das Projekt stehe beispielhaft für eine Energiewende, die nicht gegen die Landwirtschaft arbeitet, sondern mit ihr. „Keine Gräben schaffen, sondern Brücken bauen“, lautete eine ihrer zentralen Botschaften. Landwirtschaft und Photovoltaik seien keine Gegensätze. Die Fläche werde nicht entweder für Lebensmittel oder Energie genutzt, sondern doppelt. „23 Megawatt Leistung auf 17 Hektar Fläche, die weiterhin bewirtschaftet werden können. Das ist intelligente Flächennutzung“, betonte die Ministerin.



Das Land Nordrhein-Westfalen unterstützte das Projekt mit drei Millionen Euro Förderung. Denn solche Vorhaben hätten eine besondere Bedeutung: Sie zeigen, dass Klimaschutz und Landwirtschaft gemeinsam funktionieren können. Neubaur bezeichnete Familie Hoberg als „Sonnenbeerenbotschafter“. Könnte man ein schöneres Kompliment bekommen?
Vom Hofprojekt zum Vorbild für ganz NRW
Auch Dr. Katharina Schubert, Geschäftsführerin von NRW.Energy4Climate, unterstrich die Bedeutung des Projekts in Liesborn. Die Anlage zeige eindrucksvoll: Landwirtschaft und erneuerbare Energien seien keine Konkurrenten, sondern Verbündete. „Nicht nur die Menschen leiden unter dem Klimawandel“, lautete ihre Botschaft. Auch die Landwirtschaft spüre die Folgen durch Extremwetter, steigende Kosten und unsichere Ernten. Die neue Anlage könne deshalb als Blaupause dienen. Denn genau darum geht es bei Agri-PV: Flächen effizient nutzen, Erträge sichern und gleichzeitig erneuerbare Energie erzeugen.

40.000 Module, eine gemeinsame Kraftanstrengung
Die Dimensionen für so kleine Früchte sind beeindruckend: Rund 40.000 Solarmodule wurden installiert. Die reine Bauzeit betrug etwa ein Jahr. Dahinter stehen zahlreiche Partner: Die Gemeinde Wadersloh, Politik, Verwaltung, Planer, Architekten, Banken, Versicherungen, Energieexperten und natürlich Familie Hoberg selbst. Auch der Anlageninstallateur B&W Energy aus Heiden machte deutlich, welche technische Herausforderung hinter dem Projekt steckt. Aus vielen einzelnen Bausteinen wurde am Ende ein Gesamtprojekt, das weit über den Hof Hoberg hinausstrahlt.


Der stellvertretende Wadersloher Bürgermeister Jürgen Rühl (CDU) verband seine Rede mit einem Gedanken des Philosophen Voltaire und dessen berühmtem Satz aus „Candide“: Jeder müsse seinen eigenen Garten bestellen. In Liesborn bekommt dieser Gedanke nun eine moderne Bedeutung. Der Garten bleibt bestehen, nur bekommt er ein neues Dach. Ein Dach, das Strom erzeugt. Ein Dach, das Pflanzen schützt. Ein Dach, das zeigt, wie Zukunft auf dem Land aussehen kann.
Die Heidelbeere als Klimabotschafter
Am Ende bleibt die kleine Frucht im Mittelpunkt. Drei bis vier Gramm schwer. Aber mit einer Botschaft, die deutlich größer ist als ihr Gewicht. Die Liesborner Heidelbeere steht nun nicht mehr nur für Genuss und regionale Landwirtschaft bei uns im Münsterland. Sie steht für Innovation, Mut und die Verbindung von Tradition und Zukunft.

Nicht nur der Karneval. Nicht nur das Schützenfest. Nicht nur Museum Abtei Liesborn: Das Liesedorf hat eine weitere Besonderheit: Heidelbeeren unter Solardächern. Und vielleicht schmeckt sie künftig sogar ein kleines bisschen süßer, weil sie eine Geschichte erzählt, die weit über den Obsttellerrand hinausgeht. Somit hat die kleine Heidelbeere an diesem Tag ihre Mission erfüllt: Sie wurde zum Botschafter für Klimaschutz, Landwirtschaft und Zukunft, bevor sie am Ende ganz typisch Heidelbeere wieder das tat, was sie am besten kann: Mit einem kleinen Haps zu verschwinden und für ein großes Geschmackserlebnis sorgen.
Kleiner Hinweis des Verfassers: Der Autor dieser Zeilen ist ein Gärtnersohn (leider ohne grünen Daumen, dafür aber mit gelber Jacke unterwegs). Der köstliche Geschmack der Liesborner Heidelbeeren hatte lediglich Einfluss auf das Hungergefühl, nicht aber auf den Inhalt dieses Beitrags.
Fotos/Text: B. Brüggenthies
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