Liesborn (mw). Die 55. Saison des Kammermusik-Festivals der Liesborner Museumskonzerte konnte am Freitag, 15. Mai, vom Künstlerischen Leiter Jörg Lopper feierlich eröffnet werden. Wie gewohnt wird auch in diesem Jahr ein buntes Programm in den altehrwürdigen Räumen der ehemaligen Benediktinerabtei angeboten. Ein neues Format konnte bereits beim ersten Konzert präsentiert werden: eine Kombination von Literatur und Musik. Jörg Lopper bemerkte, dass seit fünf Jahren Kammermusikkonzerte in dieser Form erfolgreich angeboten würden und nun auch in Liesborn Premiere feiern könne.
Das Programm „Karneval des Glücks“ am vergangenen Freitagabend bot eine besondere Mischung für Schauspiel und klassische Musik und erinnerte an den 2016 verstorbenen Autor, Moderator, Musikkenner und Denker Roger Willemsen. Die bekannte deutsche Schauspielerin Katja Riemann moderierte den Abend mit Franziska Hölscher an der Violine und Marianna Shirinyan am Klavier. Es gelang ihnen, das Publikum mit ihren Interpretationen und ihrem faszinierenden Zusammenwirken zu begeistern. Franziska Hölscher ist als vielseitige Musikerin und Festspielleiterin zu Gast in den großen Konzerthäusern Mitteleuropas. Die armenische Pianistin Marianna Shirinyan ist eine international gefragte Solistin und Kammermusikerin und lehrt derzeit als Professorin in Dänemark. Seit sechs Jahren treten die Künstlerinnen als Trio auf.
Der Abend wurde stark von den Texten geprägt und so wirkte auch die Musik als Mittel und Sprache. Katja Riemann kommentierte, wie sie ein solches Konzert von der Bühne aus empfinde: „Ich spüre das Publikum, wie der Humor sich entfaltet“.
Die gereimte Fassung Willemsens zu dem bekannten Werk „Le Carnaval des animaux“ / „Der Karneval der Tiere“ von Camille Saint-Saёns bildete den literarischen Mittelpunkt des Abends. Dieses Stück erklang in einer gekürzten Bearbeitung von Jarkko Riihimäki. Durch Programmmusik wurden mit Violine und Klavier die verschiedenen Tiere und ihre Charaktere imitiert, dazu mit den Texten humorvoll interpretiert. So erklangen eindrucksvoll Szenen wie der „Marsch des Löwen“, „Der Elefant“, „Der Kuckuck“, aber auch „Pianisten“, die „mit falschen Noten“ ihr Können darboten sowie der bekannte lyrische Satz „Der Schwan“. In einigen Stücken spielte Katja Riemann mit ihrer Tenorflöte, mit kleinem Glockenspiel und Xylophon mit und unterstrich die Szenen mit humorvoller Mimik wie beim „Kuckuck“-Spiel. An dieser Stelle konnte Katja Riemann ihr vielfältiges Können unter Beweis stellen, denn während ihres Studiums lernte sie Klavier, Gitarre, Blockflöte und Schlagzeug. Franziska Hölscher interpretierte an der Violine mit Marianna Shirinyan am Flügel die bekannten Stücke emotional und meisterhaft mit virtuosen Passagen, verschieden Techniken und Klangeffekten.
Das zweite Stück, „Das müde Glück“ von Roger Willemsen, wurde mit Werken von Igor Strawinsky, Fazil Say, Sergej Prokofjew, Wolfgang Amadeus Mozart, Edward Elgar und Alfred Schnittke vorgetragen. Roger Willemsen hatte das alttestamentliche Buch Hiob, das zur Weisheitsliteratur zugeordnet wird, in einer modernen Form interpretiert. In diesem biblischen Werk geht es um die Frage, warum Gott einen Menschen schuldlos leiden lasse. Bei Willemsen steht allerdings nicht die Frage des Glaubens, sondern der Umgang mit dem Unglück im Zentrum. Es handelt sich um eine neue Fassung über Glück, Unglück und Hoffnung und wurde beim Konzert als eine musikalisch-literarische Reflexion präsentiert. In dieser Version treffen der mürrische Herr Gottlieb und der gut gelaunte Zirkusdirektor Herr Hopp aufeinander, was das Glück des Zirkusdirektors ins Wanken geraten lässt.
Für die musikalische Dramaturgie und Auswahl der Werke sorgte Katja Riemann. „So öffnen sich Türen für die klassische Musik“, die zur Interpretation der Literatur beitragen, bemerkte sie begeistert. Besondere Vorliebe hat sie für die Strawinky- und Prokofjew-Werke. So erklangen zu dem Werk „Das müde Glück“ die für Klavier und Violine komponierten Stücke: der „Tango“, die „Zircus-Polka“ und die „Suite italienne“ von Igor Strawinky, ein Auszug aus der „Sonate f-Moll“ op. 80 von Sergey Prokofjew, die „Sonate e-Moll“ KV 304 von Wolfgang Amadeus Mozart, das sehr bekannte Stück „Salut d’amour“ op. 12 von Edward Elger und die „Suite im alten Stil“ von Alfred Schnittke.
„Einige Stücke konnten nur gekürzt gespielt werden“, erklärte die Pianistin Marianna Shirinyan. Die Texte standen an einigen Stellen im Mittelpunkt. Doch durch Musik, Gestik und Tonsprache wirkten sie besonders emotional und begeisterten das Publikum, das sich mit großem Applaus bedankte.
Das 90minütige durchgehende Programm war rundum gelungen und der Saal ausverkauft. Das musikalische Theaterspiel war von einer besonderen Atmosphäre geprägt. So schloss Katja Riemann mit einem Lob an das Publikum: „Ihr seid ein gutes Publikum, nur war es nicht so einfach zu spielen, da das Publikum sehr nah war, saß uns fast auf dem Schoß.“ Doch mit einem Augenzwinkern fügte sie hinzu: „Humor lässt uns überleben“.
Foto/Text/Transparenzhinweis: Dr. Elena Potthast-Borisovets im Auftrag des Kuratoriums der Abteikonzerte


