Liesborn (mw). Am Samstagabend erfreute das international besetzte Marmen Quartett das Publikum beim zweiten Konzert des 55. Kammermusik-Festivals der Liesborner Museumskonzerte.Die Musiker stammen aus vier verschiedenen Ländern. Johannes Marmen – Violine (Schweden), Laia Valentin Braun – Violine (Schweiz), Bryony Gibson-Cornish – Viola (Neuseeland) und Sinéad O’Halloran – Violoncello (Irland) haben sich in London getroffen und 2013 das Quartett gegründet. Das Glücksjahr 2019, in dem das Quartett die ersten Preise bei den renommierten Wettbewerben in Bordeaux und im kanadischen Banff gewann, führte zu mehreren Konzertreisen in führende europäische und nordamerikanische Konzertsäle, so nach Bonn, zu den BBC-Proms, nach Amsterdam, Barcelona und, Lissabon.
„Das Leben eines Quartetts ist mit vielen Reisen verbunden“, berichtete die Cellistin Sinéad O’Halloran im Vorgespräch mit Patricia Knebel. Bei den Museumskonzerten ist Patricia Knebel keine Unbekannte, denn vor den Konzerten gibt sie Einführungen zum Programm und zu den Stücken, erklärt Hintergründe und führt Interviews mit den Musikern, um so dem Publikum die Möglichkeit zu bieten, sich besser auf die Musik einzulassen.
Das Marmen-Quartett bereitet pro Saison drei bis vier verschiedene Programme vor und beschreibt ihr Schaffen als eine „Beziehung oder Liebe zu einem besonderen Programm“. Das Ensemble bezeichnete Patricia Knebel zu Recht als „Multikulturelles“ aufgrund der sehr unterschiedlichen Herkunftsländer und kulturellen Hintergründe. Die Gruppe präsentierte Werke aus verschiedenen Epochen und interpretierte diese sensibel und virtuos. Mit viel Gefühl spielten die jungen Musiker ein Haydn-Quartett der Wienerklassik, Béla Bartόk im Stil der Neuen Musik, die Chaconne in von Henry Percell im alten polyphonischen Stil und ein impressionistisches Streichquartett von Claude Debussy.
Joseph Haydns Streichquartett in Es-Dur unten dem Beinamen „Der Scherz“ gehört zu den berühmtesten Werken der Quartettliteratur. Entstanden ist es im Jahr 1781 als Teil der sogenannten „russischen Quartette“. Anlass der Komposition war der Staatsbesuch des russischen Großfürsten Paul in Wien, dem späteren Zar Paul I. Die klassische Form in vier Sätzen gibt der Musik eine klare Struktur: Allegro Moderato – Scherzo – Largo – Finale. Das Finale des Rondo-Satzes sorgte für den Titel „Der Scherz“, da das Thema nach einer Generalpause mehrmals wiederholt wird, womit der Schluss sich immer weiter verzögert und unerwartet endet. Johannes Marmen an der ersten Violine dirigierte meisterhaft und zeigte mit seinem Instrument tänzerisch und leicht in schnellen Passagen feine Verzierungen und dynamische Änderungen, die seine musikalischen Partner sensibel unterstützten.
Im Kontrast erklang das Streichquartett von Béla Bartók in drei Sätzen, dass er 1915 bis 1917 in Budapest schrieb. Als Kompositionsmittel nutzte Barók Volksmotive und brachte zugleich die sogenannte „Dutonalität“ oder Polymodalität zum Tragen. Das führte zu mehreren Dissonanzen und neuen harmonischen Klängen, die ein gutes Hören abverlangten, um der Musik zu folgen und sie zu verstehen. Die Mischung zwischen Tradition und Moderne hat das Ensemble gut interpretiert.
Der zweite Teil des Konzertes wurde mit der Chaconne von Henry Purcell eröffnet. Es war das älteste der an dem Abend präsentierten Stücke, ein Werk aus dem englischen Barock. Hier zeigten die Musiker ein gutes Aufeinander Hören. So führte jeder als Solist das Ostinato-Thema im Dialog oder imitierend durch mehrere Variationen. Das Ensemblespiel zeigte sich graziös und brillant.
Das einzige Streichquartett in g-Moll op. 10 von Claude Debussy gehört neben dem von Maurice Ravel zu den absoluten Meisterwerken der impressionistischen Kammermusik. Das Stück wurde emotional und dynamisch präsentiert. Jeder Solist konnte sich musikalisch ausdrücken und sein Können zeigen. Viele mit Sourdine, einem Dämpfer, der die Lautstärk reduziert, gespielte Stellen sorgten für einen besonders schwebenden Klang, der weich und zurückhaltend war. Dadurch wurden dynamische Ausbrüche noch stärker kontrastiert. Die impressionistischen Elemende mit den Klangeffekten wurden mit viel Fantasie und die neue Klangsprache emotional übertragen.
Nach großem Applaus des dankbaren und begeisterten Publikums folgten zwei Zugaben, ein Satz aus dem Haydn-Quartett und die bekannte Melodie „Somewhere over the Rainbow“, als Ausklang des internationalen Abends. Für Interessierte wurde noch die neue, 2025 erschiene CD-Produktion mit Quartetten von Györy Ligeti und Bela Bartόk, natürlich mit Autogramm, angeboten.
Fotos/Text/Transparenzhinweis: Dr. Elena Potthast-Borisovets im Auftrag des Kuratoriums der Abteikonzerte


