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    Münsterland

    Gymnasium Johanneum: Warum der Abitur-Jahrgang 2026 besonders ist (MW+)

    Benedikt BrüggenthiesBy Benedikt Brüggenthies22. April 2026Updated:30. April 2026Lesedauer: 5 Minuten
    Facebook E-Mail WhatsApp Twitter

    Wadersloh (mw/bb). „Abi 2026 – nach 13 Jahren ist Schluss“? – Das können dieses Jahr nicht viele Schülerinnen und im Regierungsbezirk Münster sagen. Genau genommen nur rund 4.900 Jugendliche im Münsterland und in der Emscher-Lippe-Region. Im vergangenen Jahr waren es noch rund 11.500, rechnete man bei der Bezirksregierung kürzlich aus. Der Grund ist die landesweite Umstellung von G8 zurück auf G9. Schülerinnen und Schüler erwerben ihr Abitur künftig also wieder nach dreizehn statt nach zwölf Schuljahren. Deshalb gibt es 2026 an den meisten Gymnasien keinen regulären Abiturjahrgang.

    Auch das Gymasnium Johanneum in Wadersloh gehört zu diesen Schulen. Nach den großen Feierlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen im vergangenen Jahr bleibt es dort nun ungewohnt ruhig, zumindest, was das Abitur betrifft. Doch die „Pause“ hat strukturelle Gründe. MW hat mit Schulleitung, Träger und der Schülervertretung gesprochen.

    Ein Jahr ohne Abi

    Für viele Schulen bedeutet das „Abi-freie Jahr“ mehr als nur organisatorische Entlastung. Es fehlt ein zentraler Bestandteil des Schullebens: Kein Abi-Sturm, keine Prüfungsphase, keine feierliche Zeugnisvergabe. Wilfried Müller, Geschäftsführer des Schulträgervereins, beschreibt die Situation als ambivalent. Einerseits falle ein wichtiger Höhepunkt weg, nämlich die Phase, in der Schülerschaft, Eltern und Lehrkräfte gemeinsam auf das Erreichte zurückblicken. „Das ist immer ein Moment der Bestätigung für das Kollegium“, sagt Müller. „Ein Jahrgang, den man begleitet hat, geht seinen Weg. Das macht alle stolz.“

    Andererseits eröffnet das Jahr ohne Abitur neue Spielräume. Nach den Osterferien sei der Schulalltag spürbar anders, weniger getaktet durch Prüfungsdruck. Gleichzeitig laufen die Vorbereitungen für die Zukunft bereits auf Hochtouren: 111 Anmeldungen für den kommenden Jahrgang liegen vor, was wieder eine Vierzügigkeit bedeutet.

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    Einweihung MINT-Campus, 2025 | Foto: Brüggenthies

    Das Johanneum reagierte schon in jüngerer Vergangenheit mit baulichen und strukturellen Anpassungen. Neue Fachräume sind entstanden. Im neuen MINT-Gebäude gibt es mehr Möglichkeiten und wiederum frei gewordene Raumkapazitäten im Hauptgebäude. Dass das Johanneum als eine der wenigen Privatschulen im Regierungsbezirk frühzeitig auf die Rückkehr zu G9 reagiert hat, wertet Müller als strategischen Vorteil – auch in enger Abstimmung mit der Gemeinde Wadersloh, die das Bauprojekt mitgetragen hat. | MW berichtete

    Die Schülerperspektive: Mehr Zeit, mehr Möglichkeiten

    In der Schülerschaft wird die Rückkehr zu G9 überwiegend positiv gesehen. Jona Westkemper, Schülervertreter und Teil des Abiturjahrgangs 2027, spricht von einer „definitiv sehr positiven Stimmung“.

    Jona Westkemper hier mit Mitschülerin Mirja Köhler (Archivfoto EInweihung MINT-Campus 2025) | Foto: Brüggenthies

    Ein zentrales Argument vom Großteil des betroffenen Jahrgangs: Die Entlastung durch Zeitgewinn. „Viele von uns empfinden den Schulalltag jetzt schon als anspruchsvoll genug“, sagt der Schüler. Ein zusätzliches Jahr schaffe Raum. Nicht nur zum Lernen, sondern auch zur Orientierung. Praktika, Berufsfindung und persönliche Entwicklung könnten intensiver gestaltet werden. Ein weiterer praktischer Aspekt: Das Alter. Viele Ausbildungswege setzen Volljährigkeit voraus. Unter G8 hätten zahlreiche Schülerinnen und Schüler ihr Abitur noch vor dem 18. Geburtstag abgelegt. „Dann entsteht oft eine Lücke, die man irgendwie überbrücken muss“, so Westkemper. Mit G9 entfalle dieses Problem weitgehend. Auch die gestiegene Mobilität, etwa durch den Führerschein, spiele eine Rolle. „Man ist unabhängiger und kann sich besser orientieren, auch räumlich“, sagt er. Insgesamt überwiege daher das Gefühl, durch G9 nicht später ins Berufsleben zu starten, sondern besser vorbereitet.

    Schulleitung sieht Entwicklung differenziert

    Für Schulleiter Wolfram Wenner steht weniger die Frage nach dem Leistungsdruck im Mittelpunkt als vielmehr die persönliche Entwicklung der Schüler:innen. Eine spürbare Entlastung durch die Rückkehr zu G9 könne er im Schulalltag nicht eindeutig feststellen. „Unsere jetzige Q1 ist eine sehr starke Stufe“, sagt er. „Die sind motiviert, leistungsbereit – und profitieren davon, dass sie sich bis zum Abitur ein Jahr länger entwickeln können.“

    Gerade diese zusätzliche Reifezeit sieht Wenner als entscheidenden Vorteil. Durch die Wiedereinführung der Klasse 10 in der Sekundarstufe I würden wichtige Entscheidungen in eine spätere, stabilere Phase verschoben. „Das kommt vielen zugute“, erklärt er, „weil sie einfach weiter in ihrer Entwicklung sind.“

    Ausruhen nach dem Jubiläum und Abi-Pause: Das kommt für Wilfried Müller und Wolfram Wenner und der Schul-Familie auch 2026 nicht infrage. Projekte gibt es immer genug. | Foto: Brüggenthies

    Das aktuelle Jahr ohne Abiturprüfungen bringe zudem organisatorisch eine spürbare Entlastung mit sich. Keine Klausurphasen, keine Abschlussprüfungen. Der Schulbetrieb läuft ruhiger. Mit Blick auf das kommende Jahr sieht Wenner jedoch keine grundlegenden Probleme: „Wir waren am Johanneum lange im G9-System, das ist nichts Neues für uns.“ Auch größere Jahrgänge habe die Schule in der Vergangenheit bereits bewältigt.

    Die eigentlichen Herausforderungen sieht Wolfram Wenner ohnehin in der Zukunft: Mit der geplanten Reform der gymnasialen Oberstufe ab dem Abiturjahrgang 2030 könnten neue Prüfungsformate und zusätzliche Anforderungen auf die Schulen zukommen. „Das wird organisatorisch deutlich spannender als die jetzige Umstellung“, sagt er.

    Das Ausnahmejahr 2026 hat eine Signalwirkung

    Das Jahr 2026 markiert eine Übergangsphase im deutschen Bildungssystem. Auch im Regierungsbezirk Münster. Einige wenige Schulen werden als sog. „Bündelungsgymnasien“ auch in diesem Jahr Abiturprüfungen durchführen. Auch an den Berufsschulen finden regulär Abi-Prüfungen statt. Am Johanneum in Wadersloh heißt es: Durchatmen. Die Zeit wird nicht als Stillstand verstanden, sondern als Chance zur Neujustierung. Die fehlende Abiturfeier ist dabei weniger ein Verlust als ein sichtbares Zeichen für einen strukturellen Wandel, den Schülerschaft, Lehrerkollegium, Schulleitung und Trägerverein eher positiv entgegensehen. 2027 kehrt der reguläre Rhythmus zurück. Dann wird es wieder heißen: „Abi – nach 13 Jahren ist Schluss.“ Nur eben für einen Jahrgang, der sich auf diesen Moment ein Jahr länger vorbereiten konnte.

    Fotos/Text: B. Brüggenthies


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