Diestedde (mw/bb). Ein ausverkauftes Haus (bzw. Wasserschloss), eine ungewöhnliche Inszenierung und ein Blick hinter Gefängnismauern: Die Premierenlesung zum vierten Band der Reihe „Die Brandung“ von Autorin Karen Kliewe bot den Besucherinnen und Besuchern auf Schloss Crassenstein einen abwechslungsreichen Samstagabend.
Zum Auftakt überraschte die Autorin aus Beckum ihr Publikum mit einer humorvoll inszenierten Einführung. In der Rolle eines „Professional Killing Assistants“ präsentierte sie augenzwinkernd das „kleine Einmaleins“ des Verschwindenslassens. Ein kreativer Einstieg, der für zahlreiche Lacher sorgte und die Zuhörerinnen und Zuhörer direkt in die Welt des Krimis hineinführte. Im Mittelpunkt des Abends stand jedoch der neue Roman „Blutfänger“, der am 26. März erschienen ist. Es ist bereits der vierte Band der erfolgreichen Reihe „Die Brandung“ die in der deutsch-dänischen Grenzregion angesiedelt ist. Wie Karen Kliewe im Gespräch mit MW erklärte, unterscheidet sich das neue Buch deutlich von seinen Vorgängern: „Diesmal geht es den Figuren sehr nahe“, so die Autorin. Statt archäologischer Bezüge rücken zwischenmenschliche Konflikte und persönliche Verstrickungen stärker in den Fokus der Handlung.



Die Premierenlesung selbst war in mehrere kurze Abschnitte gegliedert. Kliewe las jeweils nur wenige Minuten aus verschiedenen Szenen, um die Spannung aufrechtzuerhalten und nicht zu viel von der Handlung vorwegzunehmen. Dabei wurde deutlich, dass auch im neuen Band wieder mehrere Perspektiven eine Rolle spielen. | MIT MW+ WEITERLESEN
Ein besonderer Bestandteil des Abends war der Beitrag von Kerstin Wende, Justizvollzugsobersekretärin im Jugendvollzug. Sie ergänzte die Lesung mit Einblicken in ihren Berufsalltag und brachte damit eine reale Perspektive in die fiktive Krimiwelt ein. Wende berichtete von ihrer Arbeit mit jungen Inhaftierten im Alter von 14 bis 24 Jahren und betonte die Bedeutung von Resozialisierung. Neben organisatorischen Aufgaben wie Antragsbearbeitung und Beaufsichtigung gehe es im Alltag vor allem um Konfliktlösung und den respektvollen Umgang miteinander. Auch strukturelle Themen wie Aussteigerprogramme, die Zusammenarbeit mit Jugendämtern und gesellschaftliche Einflüsse wurden angesprochen. Ein interessanter Aspekt: Ein Ausbruch aus einer Haftanstalt wird rechtlich nicht als zusätzliche Straftat gewertet. Der „Drang nach Freiheit“ sei nicht strafbar.




Nach einer kurzen Pause mit Signiermöglichkeit wurde das Gespräch mit Wende fortgesetzt, bevor Kliewe weitere Ausschnitte aus „Blutfänger“ präsentierte. Die besondere Atmosphäre des historischen Veranstaltungsortes trug ihren Teil zum Gelingen des Abends bei. „Die Kulisse ist einmalig“, sagte Kliewe, die bereits die vorherigen Bände auf Schloss Crassenstein vorgestellt hatte. Auch das Publikum zeigte sich erneut begeistert: Die Lesung war bereits im Vorfeld restlos ausverkauft.
Für die kommenden Wochen sind weitere Termine geplant. Unter anderem wird Karen Kliewe am Welttag des Buches in der Stadtbücherei Lippstadt lesen, bevor weitere Veranstaltungen folgen, darunter auch Lesungen im Norden Deutschlands, passend zur Kulisse ihrer Krimireihe. Mit „Blutfänger“ setzt Karen Kliewe ihre erfolgreiche Reihe fort und zeigt zugleich eine neue, persönlichere Facette ihrer Figuren. Spannung und Tiefgang bleiben zentrale Elemente der „Brandung“-Reihe. Die Premierenlesung wurde erneut von der Röschinger-Stiftung und der Buchhandlung BUK aus Beckum unterstützt.

Interview (gekürzt) zur Premierenlesung von „Blutfänger“
MW: Frau Kliewe, der neue Band Ihrer Reihe „Die Brandung“ heißt „Blutfänger“. Worum geht es in dem neuen Ostsee-Krimi?
Karen Kliewe: Im Grunde geht es um die Frage: Ist Blut wirklich dicker als Wasser? Familie spielt eine große Rolle, und es gibt ein Geheimnis, das gelüftet werden muss – eines, das den Beteiligten ziemlich unangenehm ist. Dadurch wird es spannend, teilweise auch ein bisschen gruselig.
MW: Es ist ja schon der vierte Band der Reihe. Die Leser kennen die Figuren inzwischen. Was ist diesmal anders?
Karen Kliewe: Diesmal geht es den Protagonisten sehr nahe. Bisher kamen die Fälle eher von außen, jetzt betrifft es die Hauptfigur Fria Svensson persönlich, ihre eigene Familie. Meine Archäologin hat diesmal überhaupt keine Zeit für archäologische Themen, weil sie komplett in dieses Familiendrama hineingezogen wird. Und Hauptkommissar Ohlsen ist eigentlich gar nicht zuständig, bewegt sich auf fremdem Terrain. Was ihm gar nicht gefällt.
MW: Sie haben sich für das Buch auch mit Themen wie Clan-Kriminalität beschäftigt. Wie sind Sie da vorgegangen?
Karen Kliewe: Ich versuche ja immer, mit Menschen zu sprechen, die aus ihrem Leben erzählen. In dem Fall war mir das aber ehrlich gesagt zu gefährlich, mich da irgendwo direkt reinzusetzen. Deshalb habe ich Interviews genutzt, die Journalistinnen und Journalisten geführt haben – mit Leuten, die selbst aus diesen Strukturen kommen. Das war sehr spannend, weil die wirklich offen über ihr Leben gesprochen haben.
MW: Frau Wende, Sie sind als Justizvollzugsobersekretärin heute dabei. Wie kam es dazu?
Kerstin Wende: Ganz unkompliziert. Mein Mann kam nach Hause und meinte, die Autorin eines Kollegen sucht jemanden aus dem Vollzug – ob ich Lust hätte. Und ich habe gesagt: Ja, warum nicht.
MW: Wie muss man sich den Alltag in einer Justizvollzugsanstalt vorstellen?
Kerstin Wende: Also vieles aus Filmen stimmt so nicht. Vielleicht ein Viertel davon. Es gibt mittlerweile gute Reportagen, die kommen der Realität näher. Ich arbeite im Jugendvollzug, das heißt, wir haben Inhaftierte zwischen 14 und 24 Jahren. Unser Ziel ist vor allem die Resozialisierung. Ich versuche, einen Einblick zu geben, wie der Alltag aussieht, was hinter den Mauern passiert. Natürlich, ohne ins Detail zu gehen, das geht aus Datenschutzgründen nicht. Aber man bekommt schon ein Gefühl dafür, dass das eine ganz eigene Welt ist.
MW: Frau Kliewe, Sie sind ja schon zum vierten Mal hier auf Schloss Crassenstein. Welche Rolle spielt die Kulisse?
Karen Kliewe: Eine große. Ich freue mich jedes Mal, dass ich hier lesen darf. Die Atmosphäre ist besonders, das Gebäude hat Geschichte und das merkt man auch beim Publikum. Das trägt viel zur Stimmung bei.
MW: Wie ist die allgemeine Resonanz auf die Buchreihe inzwischen?
Karen Kliewe: Sehr schön. Es kommen viele, die alle Bände gelesen haben und wissen wollen, wie es weitergeht. Das ist natürlich das beste Feedback, das man bekommen kann.
MW: Gibt es schon Pläne für einen nächsten Band?
Karin Kliewe: Ideen gibt es, ja. Aber wann das konkret wird, kann ich noch nicht sagen. Jetzt stehen einige Lesungen an, unter anderem in Lippstadt und Oelde, und später auch im Norden
MW: Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg für die Lesung.
Fotos/Text: B. Brüggenthies

