Wadersloh/Liesborn (mw/bb). Am Aschermittwoch ist bekanntlich alles vorbei, zumindest die närrische Zeit. In der Gemeinde Wadersloh sind die letzten RoMo-Wagen wieder sicher untergestellt. Doch während der Karneval für heitere Momente sorgte, ist die Stimmung beim Thema Kunst im öffentlichen Raum derzeit gedämpft. Nach mehrfacher Nachfrage von MW bestätigte die Gemeindeverwaltung, dass das Werk „Der Wanderer“ („Le Marcheur“) des französischen Künstlers Alain Bourgeon offenbar unerlaubt verändert wurde. Die Skulptur steht am Eingang des Kunstpfads am Wanderparkplatz zwischen Liesborn und Wadersloh und markiert den Wanderwegeauftakt für Spaziergänger und Kunstinteressierte in Richtung Museum Abtei Liesborn.
Symbol für Bewegung und Offenheit gegenüber dem Neuen
Alain Bourgeon, der aus Waderslohs französischer Partnerstadt Néris-les-Bains stammt, schuf 2014 im Rahmen des 5. Wadersloher Bildhauersymposiums mit dem „Wanderer“ eine Figur, die bewusst Richtung Süden schreitet. In Frankreich existiert bereits ein ähnliches Werk, das gen Norden ausgerichtet ist. Die Arbeiten stehen sinnbildlich für Bewegung, für das „Zwischen-den-Orten-Sein“, für Loslassen und Offenheit gegenüber Neuem. So steht es sinngemäß in der seinerzeit entstandenen Begleit-Dokumentation. Charakteristisch für die Skulptur ist ihr reduzierter, moderner Stil. Der Kopf der Figur besteht aus einem ringförmigen Element, ein bewusst gewähltes Gestaltungsmittel des Künstlers.
Trotz besagter „Offenheit für das Neue“: Ein Gesicht war nicht vorgesehen. Schon seit einigen Wochen jedoch trägt der Wanderer eine zusätzliche „Ausstattung“: Eine fratzenartige Maske mit angesetztem Haar wurde am Kopf der Figur angebracht. Offenbar in der Absicht, das Kunstwerk zu „verschönern“. Der Vorfall erinnert unweigerlich an das berühmte Restaurierungs-Missgeschick im spanischen Borja, als ein Jesus-Fresko aus dem 19. Jahrhundert 2012 von einer Rentnerin eigenmächtig überarbeitet wurde und das Ganze international zum Jesus-Fiasko wurde.

Auch in Wadersloh gilt: Gut gemeint ist nicht gut gemacht. Die Gemeindeverwaltung zeigt sich ratlos, wie es zu der Veränderung kommen konnte. Nach Angaben aus dem Rathaus seien die Arbeiten an der Skulptur handwerklich sorgfältig ausgeführt worden. Die nun angebrachte Maske lasse sich nicht ohne Weiteres entfernen. Derzeit werde geprüft, ob und wie eine Rückführung in den ursprünglichen Zustand möglich ist. Sollten dauerhafte Schäden an der Plastik entstanden sein, schließt die Verwaltung eine Anzeige gegen Unbekannt nicht aus. Kunst im öffentlichen Raum lebt vom Dialog, doch Eingriffe ohne Zustimmung des Künstlers überschreiten diese Grenze deutlich.
Fotos/Text: B. Brüggenthies


