Riesenbeck/Liesborn-Göttingen (mw). Ein außergewöhnlicher Erfolg für einen gebürtigen Göttinger: Thomas de Nocker hat Anfang Februar bei der „Teutoburger Durchschlageübung 2026“ gemeinsam mit seinem Team den ersten Platz erreicht. Der militärische Ausdauer- und Vielseitigkeitswettbewerb gilt als der größte und anspruchsvollste seiner Art in Deutschland. Er wird vom Reservistenverband der Bundeswehr organisiert. Über 36 Stunden hinweg stellen sich die Teilnehmer zahlreichen körperlichen, mentalen und militärischen Herausforderungen – bei eisigen Temperaturen, mit schwerem Gepäck und ohne genau zu wissen, was sie an der nächsten der insgesamt 16 Aufgabenstation erwartet.
Ein Wettkampf mit besonderem Anspruch
Der Wettkampf fand am namensgebenden Teutoburger Wald in der Nähe von Riesenbeck statt. Insgesamt nahmen rund 80 Reservisten teil, ergänzt durch aktive Soldaten der Bundeswehr sowie Gäste aus Blaulichtorganisationen und von ausländischen Streitkräften. Mehr als 100 Unterstützer sorgten im Hintergrund dafür, dass der Wettbewerb reibungslos ablief. Sie betreuten die einzelnen Stationen, organisierten Abläufe und übernahmen die Logistik – alles auf ehrenamtlicher Basis. Zusammen übernachteten alle in einer Turnhalle, die gleichzeitig als Organisationszentrale diente. Dort kamen die Teilnehmer und Unterstützer in der Nacht vor dem Start und nach dem Ende des Wettkampfs unter. Während der 36 Stunden selbst gab es kaum Zeit zur Erholung. Ziel der Veranstaltung ist es, militärische Grundfertigkeiten, körperliche Belastbarkeit und Teamfähigkeit unter realistischen Bedingungen zu trainieren.
36 Stunden unterwegs mit Karte und Rucksack
Der Startschuss fiel am frühen Freitagmorgen. Von diesem Moment an hatten die Teams insgesamt 36 Stunden Zeit, um 16 Stationen zu erreichen und dort gemeinsam Aufgaben zu lösen. Jede Gruppe bestand aus vier bis fünf Personen. Die Teams wurden erst vor Ort zusammengestellt, sodass sich viele Teilnehmer zunächst kennenlernen mussten.
Thomas de Nocker ging in einer Vierergruppe als „Team Leopard“ an den Start. Neben ihm gehörte ein erfahrener Reservist aus Augustdorf, ein aktiver Marineoffizier und eine junge Reserveoffizierin der Marine zur Gruppe. „Wir haben als Team gut zusammengearbeitet. Dass ich selbst nur sehr wenig militärische Erfahrung habe, konnten die anderen in der Gruppe wettmachen. Ich konnte beisteuern, dass ich recht ausdauerstark bin und gut schießen kann“, beschreibt de Nocker rückblickend.
Die Teilnehmer mussten von Station zu Station laufen und dabei selbst navigieren. „Wir bekamen an jeder Station die Koordinaten für die nächste Station, die wir dann auf einer Karte finden mussten. Wir haben unseren Zielpunkt immer doppelt überprüft, um nicht in die falsche Richtung zu laufen. Was uns dann an der Station erwartete, wussten wir nicht“, so de Nocker. „Unser Gepäck und alle Verpflegung mussten wir mitnehmen, das machte das Marschieren dann schon beschwerlich – gerade weil wir nicht nur über feste Straßen, sondern zum Teil auch querfeldein unterwegs waren“, erinnert sich de Nocker. „Nach circa einer Stunde Marsch waren wir eine Stunde an einer Station, das ganze 16-mal. In Riesenbeck und Umgebung kenne ich mich jetzt aus.“





Orientierung, Müdigkeit und eisige Nächte
Die Nacht spielte dabei eine besondere Rolle. In der Dunkelheit wurde die Orientierung deutlich schwieriger, während gleichzeitig die Kräfte nachließen. „Mitten in der Nacht haben wir uns einmal richtig verlaufen und standen orientierungslos auf einem Bauernhof. Ich hatte die Karte falsch gelesen. Die Hunde bellten und drohten alle aufzuwecken. Zu dem Zeitpunkt waren alle in der Gruppe sehr müde. Das war schon hart, nicht zu wissen, wohin es weitergeht. Wir haben dann erstmal am überdachten Hofkreuz Pause gemacht und uns beraten“, berichtet de Nocker.
Die Weglänge war je Gruppe unterschiedlich: „Im Idealfall kam man auf 65 Kilometer, wir waren letztlich mit allen Navigationsfehlern 70 Kilometer unterwegs. Es gab auch Gruppen, die sich so verlaufen haben, dass es weit über 80 Kilometer wurden. Solch Extrakilometer schlagen dann schon auf die Stimmung.“
Trotz der winterlichen Bedingungen blieb das Wetter insgesamt moderat. „Vom Wetter sind wir positiv überrascht worden. Angekündigt hatte sich Schneeregen, letztlich waren es aber nur Temperaturen leicht über dem Gefrierpunkt. Nachts kam ein wenig Nieselregen auf. Das war insgesamt gut auszuhalten“, sagt de Nocker.
Vielfältige körperliche und mentale Aufgaben
An den 16 Stationen warteten ganz unterschiedliche Herausforderungen. Jede Station wurde von anderen Reservisten, lokalen Vereinen oder Hilfsorganisationen betreut. Die Aufgaben reichten von sportlichen Belastungen über militärische Fertigkeiten bis hin zu Prüfungen der Selbstüberwindung.
So mussten die Teilnehmer unter anderem ihre Fähigkeiten im Schießen unter Beweis stellen, etwa mit Kleinkaliberwaffen beim örtlichen Schützenverein oder bei einem simulierten Biathlon. An anderen Stationen ging es darum, Verletzte zu bergen oder erste Hilfe zu leisten. Eine Wasserrettungsübung, organisiert von der DLRG, verlangte den Teams viel ab, gerade wenn sie schon viele Kilometer in den Beinen hatten. Bei der freiwilligen Feuerwehr musste eine eingeklemmte Person befreit werden.
„Am spektakulärsten war das Durchschwimmen des Dortmund-Ems-Kanals, der knapp ein Grad hatte. Gott sei Dank hatte der DLRG am anderen Ufer ein Aufwärmzelt aufgebaut“, erzählt de Nocker. Selbstüberwindung wurde auch anderorts gefordert: So mussten die Teilnehmer sich von einer etwa 20 Meter hohen Klippe abseilen.
An anderen Stationen standen Kenntnisse im Bereich Überleben in der Natur oder militärisches Fachwissen im Mittelpunkt. So mussten die Teilnehmenden beispielsweise zeigen, wie man in freier Wildbahn Feuer entfacht oder Wasser trinkbar macht. Darüber hinaus wurden Szenarien geübt, die das Verhalten im Gefecht nachstellten oder Aufgaben, bei denen es galt, Panzertypen zu beschreiben oder Minen zu finden.
Überraschende Unterstützung aus Wadersloh
Eine besondere Verbindung zur Heimatgemeinde gab es an einer Station: Markus Nienkemper aus Wadersloh war unterstützend als Reservist im Einsatz und betreute die Station zur Minensuche. Die Teilnehmer mussten dort versteckte Minenattrappen entdecken, einordnen und fachgerecht beschreiben. Mit seinen Kameraden hatte er im Wald einen Parcours aufgebaut und empfing die 16 Gruppen, die zeitversetzt zu ihrem kamen um ihre Aufgaben zu lösen und etwas zu lernen. „Team Leopard“ erreichte ihr Zelt am frühen Samstagmorgen noch im Dunkeln und schlug sich ganz wacker.

Am Ende zählte die Punktzahl, die an jeder Station vergeben wurden. Diese wurden zusammengezählt, um die Gesamtwertung zu ermitteln. Für das „Team Leopard“ reichte es schließlich zum ersten Platz. Die Siegerehrung nahm Patrick Sensburg, der Präsident des Reservistenverbandes, persönlich vor. Für de Nocker und seine Teamkameraden war dies der Abschluss eines fordernden Wochenendes.
„Wir haben im Team nachher überlegt, warum wir gewonnen haben, da nach Papierlage andere Teams viel stärker erschienen“, so reflektiert de Nocker, der als Professor beruflich auch viel mit Führungskräftetrainings zu tun hat. „Wir konnten alle Konflikte im Team lösen, bevor sie groß wurden. Da waren wir sehr kameradschaftlich. Der eine wollte langsamer laufen als der andere, mancher brauchte mehr Pausen. Das konnten wir ohne Streit gut regeln. Wir waren auch alle in etwas gleich ehrgeizig und wollten schon eine gute Leistung ablegen, wir waren aber nicht verbissen. Wenn jemand an einer Station mal einen Fehler gemacht hat und wir deshalb Punkte liegengelassen haben, so hackte da keiner drauf herum. Wir haben das aber besprochen. Und wir hatten drittens immer klar, wer gerade das Sagen hat. Sei es bei der Orientierung auf dem Weg oder bei den Gruppenarbeiten an den Stationen. Teamarbeit ist gut, aber nur mit Hut, wie man so schön sagt. Einer muss diesen immer aufhaben. Wenn man an den Stationen komplexe Situationen nachspielt, wo gerade jemand verletzt ist oder geschossen wird, da wollen die Gutachter immer sehen, dass einer sich Übersicht verschafft und klare Befehle gibt, die dann auch befolgt werden.“
Bis auf ein Team sind alle im Laufe des Samstagabends von ihrer Marschrunde wieder zurück in die Halle gekommen und konnten die Übung abschließen. Oftmals humpelnd, aber insgesamt ohne größere Verletzungen. Der Wettbewerb sei für ihn etwas besonderes gewesen, so de Nocker. „Ich habe in der Vergangenheit bereits an sportlichen Ausdauerwettkämpfen teilgenommen, die weit über 24 Stunden dauerten. Da musste man aber nie nachdenken, sondern einfach stumpf immer weiter laufen. Den Kopf konnte man abschalten. Die Durchschlageübung war aber ganz anders: Man war als Team gefordert, die Aufgaben waren vielfältig und nur zum Teil sportlich. Die Marschstrecke von 70 Kilometern war nur der Rahmen.“ Gerade diese Mischung habe den Reiz ausgemacht.


Ernster Hintergrund: Die Bedeutung der Reserve
Solch ein Wettkampf hat einen ernsten Hintergrund, wie Organisator Jonas Rothermel das übergeordnete Ziel solch einer Großveranstaltung erläuterte: „Mit der Teutoburger Durchschlageübung 2026 leisten wir alle unseren Beitrag zum Aufwuchs der Reserve und damit den Erhalt der Wehrtüchtigkeit, Abschreckung und Verteidigung unserer Streitkräfte und Bündnispartner.“
Ohne den Einsatz der vielen Ehrenamtlichen wäre ein Wettbewerb dieser Größenordnung nicht möglich gewesen. Ihr Engagement, ihre Zeit und ihre Leidenschaft verdienen besondere Anerkennung. Das gilt gerade, weil auch im kommenden Winter die Teutoburger Durchschlageübung wieder stattfinden soll.
Quelle: Thomas de Nocker


