Liesborn (mw/bb). Tatzelwurm, Lindwurm (Anm. d. Red.: nicht der vom Liesborner Karneval!) , Einhorn, Wolpertinger, Moosweibchen oder gar der sagenumwobene Seebischof (demnächst Teil der Äbtegalerie?): Sie alle sind keine bloßen Fantasieprodukte moderner Erzählkunst, sondern tief verwurzelt in regionalen Überlieferungen. Mit der Sonderausstellung „Fast vergessene Kreaturen – Fabelwesen in Westfalen“ öffnet das Museum Abtei Liesborn ab Sonntag, 8. Februar, seine Türen zu einer märchenhaften Reise durch Sagen, Legenden und Fabeln der Region. Die Ausstellung ist bis zum 19. April zu sehen.
Ein Abteigespenst sucht man zwar vergeblich in den Mauern der ehemaligen Benediktinerabtei, vermutlich hätte Abteikater Theophil hier auch ein gewichtiges Wort mitzumiauen. Stattdessen geht es um etwas Tieferes: Um das Erzählen selbst, um überlieferte Geschichten und um Gestalten, die über Jahrhunderte hinweg Fantasie, Moralvorstellungen und Weltbilder bei uns in Westfalen geprägt haben.


Kuratorisch verantwortet wird die Ausstellung von Theresa-Sofie Ditges, die seit Juli 2025 das Museumsteam unterstützt, gemeinsam mit Museumsleiter Dr. Sebastian Steinbach. Bei einem Presse-Rundgang zur Eröffnung wurde schnell deutlich: Diese Ausstellung will nicht nur betrachtet, sondern erlebt werden. Schon der Eingangsbereich lädt zum aktiven Entdecken ein. Besucherinnen und Besucher können zu „Mythensammlern“ werden, Sammelkarten mitnehmen und sich eine eigene kleine Forscherakte zusammenstellen. Vor allem Schulklassen und KiTas sollen so spielerisch an Sagenforschung herangeführt werden. Ein Ansatz, der Fantasie anregt und Wissen über die eigene Kulturregion vermittelt. Trotz mancher leicht schauriger Figur bleibt die Ausstellung dabei durchweg familienkompatibel, davon konnte sich die örtliche Presse beim Vorab-Rundgang überzeugen.
Von der Idee zur Ausstellung der (fast) vergessenen Kreaturen
Die Wurzeln des Projekts reichen zurück ins Jahr 2017. Damals entwickelten der Autor und Figurenbauer Florian Schäfer und Daniel Wolf („Dr. Wolfs Wunderkammer“) erste Konzepte, aus denen schließlich die „Forgotten Creatures“ hervorgingen. Ein zufälliger Kontakt im Rahmen der früheren Brettspiel-Ausstellung im Jahr 2022 führte zur Kooperation mit dem Museum Abtei Liesborn und zu der Entscheidung, diese außergewöhnlichen Gestalten eines Tages auch hier zu zeigen. Heute ist aus der Idee Realität geworden. Die Sammlung ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen: Von kleinen, detailreichen Figuren bis hin zu raumfüllenden Skulpturen. Jüngster Neuzugang ist ein imposanter XXL-Greif, der nun symbolisch über die Ausstellung wacht.




Inhaltlich spannt die Ausstellung einen weiten Bogen. Ein Bereich widmet sich Hausgeistern wie Wichteln und Kobolden, die in Küche, Werkstatt oder Wohnzimmer ihr Unwesen treiben. Historische Spruchtücher aus dem späten 19. Jahrhundert aus dem Museumsdepot sowie Illustrationen aus dem Nachlass von Theobald von Oer ergänzen das Setting und schlagen eine Brücke zwischen Volksglauben und Alltagskultur. Weitere Räume führen in Wald- und Moorlandschaften, die oftmals klassische Schauplätze westfälischer Sagen sind. Hier wird deutlich, dass viele Geschichten einst auch eine erzieherische Funktion hatten: Der dunkle Wald, der böse Wolf, die geheimnisvollen Wesen sollten warnen, mahnen und Werte vermitteln. Ein dritter Schwerpunkt liegt auf Natur und Tierwelt. Präparate aus dem LWL-Naturkundemuseum ergänzen die Ausstellung, darunter die „Top 5“ der westfälischen Sagentiere: Huhn, Hase, Maus, Krähe und Eule. Reale Tiere, die in überlieferten Geschichten immer wieder eine besondere Rolle spielen. Auch der Entstehungsprozess der Figuren selbst wird transparent gemacht. In einer Vitrine und per Video erhalten Besucher Einblicke in die Werkstatt von Florian Schäfer.
Die Besonderheit des Geschichten-Erzählens als Kulturgut
Dass Geschichten bis heute eine enorme Kraft besitzen, betont Museumsleiter Dr. Sebastian Steinbach auch persönlich: Noch bevor es den Buchdruck gab, wurden Erzählungen mündlich weitergegeben. Oft über Jahrtausende. Und selbst moderne Popkultur greift auf diese Wurzeln zurück. Parallelen zu den fantastischen Welten von J. K. Rowling oder J. R. R. Tolkien sind gewollt, doch der Blick der Ausstellung richtet sich bewusst zurück nach Westfalen. „Fast vergessene Kreaturen“ verbindet Bildungsanspruch mit großer Freude am Erzählen. Ein begleitendes Rahmenprogramm vertieft die Inhalte zusätzlich. Schon jetzt liegen zahlreiche Anmeldungen von Schulen, KiTas und Heimatvereinen vor.
Die Ausstellung ist ab dem 8. Februar (bis zum 19. April) im Museum Abtei Liesborn zu sehen. Die offizielle Eröffnung ist um 15 Uhr. Die Ausstellung ist eine Einladung zum Staunen, Nachdenken und vor allem zum Wiederentdecken jener Geschichten, die tief in der Region verwurzelt sind und doch bis heute nichts von ihrer Faszination verloren haben.
Galerie: Fast vergessene Kulturen im Museum Abtei Liesborn










Auch in Diestedde gab es ein Fabelwesen der besonderen Art
Nicht Teil der Ausstellung, aber zum Glück bestens bekannt bei uns in der Redaktion ist die Geschichte einer unheimlichen Kreatur. In der direkten Nachbarschaft der MW-Redaktion spielt die besondere Sage „Dat Rüenland“ (nachzulesen in der Diestedder Dorfchronik). In der Diestedder Bauernschaft Entrup soll laut Volksmund nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges ein schwarzer Hund sein Unwesen getrieben haben. Der riesiger, pechschwarze Hund sei so groß wie ein Kalb gewesen, heißt es. Nacht für Nacht verwüstete er die Felder. Während der Ernte riss er die mühsam aufgestellten Getreidegarben auseinander, zerbiss die Strohseile und verstreute die Halme über die Äcker. Doch nicht nur auf den Feldern machte sich die Kreatur bemerkbar. In den Ställen erschreckte sie Kühe und Mägde gleichermaßen, stieß die Frauen von den Melkschemeln, verschüttete die Milch und sorgte für Angst und Unruhe. Besonders der Gutsbesitzer Gerwin litt unter den fortwährenden Nachstellungen des Tieres.

Im Jahr 1704 fasste er schließlich einen Entschluss: An jener Stelle, an der der schwarze Hund am häufigsten gesehen wurde, ließ er einen Bildstock errichten, der mit dem Bild des heiligen Hubertus, Schutzpatron der Jäger, geschmückt war. Von diesem Tag an verschwand der Hund so plötzlich, wie er gekommen war. Nie wieder wurde er im Entrup gesehen. Bis heute wird das Gelände bei den älteren Diesteddern „Dat Rüenland“ (Anm. d. Red.: Die Gemeindeverwaltung Wadersloh nennt es künftig „In der Breede“ und möchte dort Wohnhäuser errichten. Ob dort dann eine Geisterhundesteuer erhoben wird?) genannt.
Fotos/Text: B. Brüggenthies



