Liesborn-Göttingen (mw/bb). In den vergangenen Tagen wird in der Gemeinde Wadersloh viel gefeiert: Die Gemeinde ist 50 geworden, der Schützenverein Liesborn 75, das Johanneum sogar 100. Maria Suermann aus Liesborn- Göttingen, liebevoll Oma Maria von der Familie genannt, kann das alles noch toppen: Die Göttingerin feierte vergangene Woche ihren 100. Geburtstag. Ein Jahrhundert-Leben – das muss man erst einmal schaffen. Am 2. Juli feierte Maria Suermann im Ludgerushaus in Liesborn gemeinsam mit ihrer großen Familie, vielen Enkeln und Urenkeln, Nachbarn, Freunden und Weggefährten ein fröhliches Fest voller Erinnerungen, liebevoller Worte und unendlicher Dankbarkeit. Ein bescheidener Mensch im Mittelpunkt und alle waren sich einig: Diese Frau hat so vieles geprägt, ohne sich jemals in den Vordergrund zu drängen.





Geboren wurde Maria Suermann 1925 auf einem Bauernhof in Beckum als älteste von acht Geschwistern. Schon früh übernahm sie Verantwortung. Erst auf dem elterlichen Hof, später als Mutter, Ehefrau, Krankenschwester und Großmutter. Die Kriegsjahre überstand sie in der Heimat. Früh lernte sie, was Pflicht bedeutet und blieb diesem Lebensprinzip treu. Mit 23 begann sie eine Hauswirtschaftsausbildung auf dem Hof Luster-Haggeney in Liesborn-Göttingen. Und ausgerechnet dort begegnete sie – wenn auch nur indirekt – der großen Politik. Denn ihr damaliger Ausbildungsleiter Franz Luster-Haggeney war nicht nur Landrat im Kreis Beckum, sondern auch Mitglied im Zonenbeirat der britischen Besatzungszone und befreundet mit keinem Geringeren als Konrad Adenauer. Dieser, damals noch kein Kanzler, aber bereits Vorsitzender des Parlamentarischen Rates, war mehrfach zu Gast auf dem Hof. Maria Suermann erinnerte sich oft an die Abende, an denen sie für die Herren spät noch Waffeln backen durfte: Ein kurzer Moment Weltgeschichte in ihrer ganz persönlichen Chronik.
Während ihrer Ausbildung lernte sie ihren späteren Mann Josef kennen. Zwei Söhne folgten, das Familienleben spielte sich fortan abseits der „großen Bühne“ ab. Nach dem frühen Tod ihres Mannes musste sie sich beruflich neu orientieren: Mit Mitte 40 absolvierte sie eine Ausbildung zur Krankenschwester und arbeitete noch fast 20 Jahre im Dienst am Menschen. Ihr Glaube hat sie dabei stets begleitet und ist bis heute so etwas wie ein innerer Kompass. „Für jede Klassenarbeit wurde eine Kerze angezündet“, erinnert sich ein Enkel. In ihrer stillen Art ist sie für viele ein Anker: Immer da, immer verlässlich, immer bescheiden im Hintergrund. Der Garten war ihr Königreich, das Kegeln eine Leidenschaft, die Landfrauen ein soziales Netz.


Ein besonderes Hobby teilt sie mit ihrer Familie: Die Liebe zur Schützenfesttradition. Wenn das Schützenfest nahte, war höchste Gartenpflege geboten. „Was sollen sonst die Nachbarn denken?“ – ein Satz, der viel über ihren Pflichtbegriff verrät. Wenn in Göttingen einmal im Jahr die Schützenfahnen wehen und sich die Gemeinde zum Fest versammelt, dann ist sie mittendrin. In diesem Jahr ist sie sogar „Gnadenkönigin“. Ihre persönliche Königswürde erlangte sie 1955 an der Seite von Bäckermeister Wilhelm Hölkemann. 70 Jahre später lebt das Erbe fort: Das Schützenwesen zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben und das ihrer Familie. Ihr Mann Josef war einst König, ihr Sohn Paul ebenso, dazu beide Schwiegertöchter und sogar zwei Enkeltöchter. Urenkel Clemens trägt aktuell die Kinderkönigswürde. Gleichzeitig konnte sie auch über sich selbst lachen, etwa bei ihrer satirischen „Stiftung Omatest“ zum 80. Geburtstag. Das 100 Jahre bewegte Leben ihrer „Oma Maria“ hat die Familie in unzähligen Fotobüchern dokumentiert: Eine bleibende Erinnerung an das Lebenswerk der Göttingerin, die weiter fortgeschrieben wird und nun durch viele festgehaltene Momentaufnahmen der Geburtstagsparty ergänzt werden kann.



Heute lebt Maria Suermann im Seniorenheim, nimmt am Leben ihrer Familie aber weiterhin Anteil und freut sich über jedes Gesicht, das durch die Tür kommt. Besonders groß war die Freude beim großen Geburtstagsfest. Auch hier war die generationenübergreifende Liebe spürbar. Maria Suermann steht für eine Generation, die selten laut war, aber unglaublich viel geleistet hat. Und dass sie nun 100 Jahre alt geworden ist, das erfüllt nicht nur ihre große Familie, sondern auch die ganze Dorfgemeinschaft mit großem Respekt. Eine Frau wie „Oma Maria“ gibt es nicht zweimal, sind sich die Geburtstagsgäste an diesem Tag einig. Und dass sogar der Pastor, ein stellvertretender Landrat und der Bürgermeister zum Erreichen des dreistelligen Lebensalters zur Gratulation auf die Knie fielen, davon wird in der Familie Suermann sicher auch noch in Jahrzehnten gesprochen.
Fotos/Text: B. Brüggenthies

