Diestedde (mw/bb). Das Schloss Crassenstein bereitet sich in diesen Tagen auf eine umfassende Neuausrichtung seines Ankermieters vor. Diese betrifft die bisherige Privatschule Schloss Crassenstein mit angeschlossenem Internat (Privatschule Schloss Crassenstein GmbH), die überraschend noch in diesem Monat geschlossen werden muss. Betroffen von der Schließung sind 30 Schülerinnen und Schüler, die zum 17. Mai die Schule und das Internat in Diestedde verlassen müssen.
Anm. d. Red.: Dieser Inhalt ist aufgrund der dynamischen Entwicklung rund um die Schulschließung möglicherweise nicht mehr auf einem aktuellen Stand.
Als Bildungseinrichtung soll der Standort in den historischen Gemäuern des Diestedder Wahrzeichens erhalten bleiben: Künftig sollen Fachkräfte aus dem Ausland auf Crassenstein die sprichwörtliche Schulbank drücken und durch Sprachunterricht und Integrationskurse umfassend auf Sprache und Kultur vorbereitet werden. Ziel ist die Bekämpfung von Fachkräftemangel, insbesondere im Medizin- und Pflegebereich. Bis zu 40 ausgebildete Fachkräfte sollen ab Herbst ihre Weiterbildung in Diestedde beginnen.
Dieser Exklusiv-Beitrag erscheint in zwei Teilen. Der 2. Teil befasst sich mit der Reaktion der Schülerschaft und des Kooperationspartners auf die kurzfristige Schließung der Schule. | Teil 2
Zu wenige Anmeldungen nach Umstellung von G8 auf G9
Die Privatschule Schloss Crassenstein in ihrer bisherigen Form ist Geschichte. Die letzten Schülerinnen und Schüler, 30 an der Zahl, verlassen im Laufe der kommenden Woche das Nikolausdorf. Drei Abiturienten beenden noch ihre Prüfung beim Kooperationspartner Gymnasium Johanneum in Wadersloh. Danach ist Schluss mit der Schule. Nach übereinstimmender Aussage des Schulträgers und des Kooperationspartners Johanneum sollen alle Schülerinnen und Schüler der Privatschule ein Versetzungszeugnis erhalten, um die Schullaufbahn an anderen Einrichtungen fortsetzen zu können.
Zu den Gründen der Schließung äußerte sich der Geschäftsführer der Privatschule Schloss Crassenstein wie folgt: „Die Situation von Internaten für ausländische Schülerinnen und Schüler ist aufgrund mehrerer Faktoren derzeit schwierig. Die Anmeldezahlen liegen derzeit auch bundesweit weit unter dem Durchschnitt. Ein Hauptgrund dafür ist der Umstellung von G8 auf G9. Relativ viele Schülerinnen und Schüler können aufgrund der Verlängerung der Schulzeit nicht mehr zu uns nach Deutschland kommen. Manche Schulen können zwar Sonderkurse anbieten, in Wadersloh gab es aber keine Möglichkeit dazu“, berichtet Detlef Ernst.
Weitere Gründe sind die unsichere geopolitische Lage, die weltweit Internatseinrichtungen, derzeit speziell aber Europa betrifft. „Diesen Nachfrage-Rückgang haben wir schon in der Corona-Zeit verzeichnet und der Trend hat sich leider noch verstärkt“, ergänzt Detlef Ernst. Obwohl das Internat Crassenstein bei den Schülerinnen und Schülern sowie „Ehemaligen“ nach Aussage des Trägers einen ausgezeichneten Ruf genießen soll, hatten sich für das kommende Schuljahr nur fünf Schülerinnen und Schüler angemeldet, so dass die Weiterführung der Privatschule Schloss Crassenstein GmbH in der bisherigen Form nicht mehr tragfähig ist.
Sprachschulungen für internationale Fachkräfte sollen Arbeitsmarkt entlasten
Wie geht es weiter am Schloss? Nach umfassenden Gesprächen mit der Politik konnte bereits eine mögliche Neuausrichtung auf den Weg gebracht werden. Der Start ist für September 2023 vorgesehen. Ab dann sollen fertig ausgebildete Pflegefachkräfte im Schloss beherbergt und umfassend für den Erwerb eines Sprachdiploms geschult werden, damit sie im Anschluss dem Arbeitsmarkt direkt zur Verfügung stehen. „Die Fachkräfte haben in der Regel bereits einen Arbeitsvertrag mit umliegenden Einrichtungen abgeschlossen. Wir bekämpfen damit aktiv den Fachkräftemangel in Deutschland. Die erste große Gruppe kommt aus Kolumbien zu uns. Dort herrscht derzeit kein Mangel an Fachkräften in der Pflege, sondern ein Überschuss, so dass es nicht zu einem ‚brain drain‘, also der Abwanderung von qualifiziertem Personal kommt“, berichtet Detlef Ernst von den Plänen der Transformation des Internats zu einer Bildungseinrichtung für Erwachsene. Die erste Gruppe in Südamerika wird bereits vor Ort vorbereitet, so dass in Diestedde das erforderliche Sprachzertifikat erworben werden kann.
Die Neuausrichtung mit Fokus auf die Bekämpfung des Fachkräftemangels hat Pilotcharakter und trifft bereits auf eine große Resonanz bei umliegenden Firmen: „Wir sind sehr zuversichtlich, dass wir ein interessantes und tragfähiges Konzept erarbeitet haben. Dazu wurden viele Gespräche mit Fachleuten geführt. Die Situation auf dem Arbeitsmarkt ist als schwierig zu bewerten. Nahezu in jeder Branche herrscht ein Fachkräftemangel. Wir möchten dem entgegensteuern durch das Angebot von Deutsch- und Integrationskursen für internationale Fachkräfte“, zeigt sich Detlef Ernst überzeugt von dem Erfolg der Neuausrichtung. Die Arbeitsplätze vor Ort sollen dadurch möglichst erhalten bleiben. Weitere Informationen zum neuen Konzept sollen in Kürze bekannt gegeben werden.
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Fotos/Text: B. Brüggenthies



