Wadersloh (mw). Die Kommunalwahl 2025 in Wadersloh hat vorletzten Sonntag ein breites Echo hervorgerufen. Während die etablierten Parteien der Ratsfraktionen und die neuhinzugekommenen „Grünen“ mit Programmen und Inhalten um Zustimmung warben, fiel das Ergebnis der AfD in der Gemeinde Wadersloh besonders auf: 772 (11,56 Prozent) Stimmen entfielen auf die Partei, die weder ein Wahlprogramm noch ihre Kandidaten zuvor öffentlich vorgestellt hatte. In zwei Leserbriefen nehmen Matthias Goß sowie die Gruppe ZIN19 diesen Wahlausgang zum Anlass, Fragen an die Wählerinnen und Wähler zu stellen und ihre Sicht auf die kommunalpolitische Situation in Wadersloh darzulegen.
In seinem Leserbrief äußert sich der gebürtige Wadersloher Matthias Goß kritisch zum Wahlausgang. Er stellt die Frage, wie eine Partei ohne Programm und ohne erkennbare kommunalpolitische Ziele über 770 Stimmen erhalten konnte und warnt vor den Folgen einer rein protestgetriebenen Wahlentscheidung. Die Bürgerinitiative ZIN19 nimmt das Ergebnis der Kommunalwahl ebenfalls zum Anlass für einen Appell. In ihrem Schreiben hinterfragen die Verfasser das Wahlverhalten zugunsten der AfD, erinnern an das Wesen einer Kommunalwahl und rufen die Wählerinnen und Wähler dazu auf, ihre Anliegen künftig konstruktiv über das Petitionsrecht einzubringen.
Leserbrief zur Kommunalwahl in Wadersloh von Matthias Goß: Fragen bleiben offen
„Als ehemaliger Wadersloher habe ich die Kommunalwahl in Nordrhein-Westfalen aufmerksam verfolgt – insbesondere die Ratswahl meiner Heimatgemeinde. Dabei stellte ich mir die Frage, ob ich den Begriff Kommunalpolitik vielleicht falsch verstanden habe. Kommunalpolitik sollte doch vor allem die Belange vor Ort behandeln – also die sogenannte Selbstverwaltung. Deshalb kann es durchaus sein, dass eine Partei lokal gute Arbeit leistet, auch wenn sie auf Bundesebene ein anderes Bild abgibt. So konnte ich mich über die Programme der meisten Parteien informieren, die darlegten, wie sie Wadersloh, Diestedde und Liesborn weiterentwickeln möchten. Die Wählerinnen und Wähler hatten damit eine Grundlage für ihre Entscheidung. So sollte es sein.
Doch eine Partei hat keinerlei Informationen veröffentlicht – weder ein Programm noch konkrete Ziele für die Gemeinde. Das wirft Fragen auf: Wie soll man sich als Wähler ein Bild machen, wenn keine Inhalte kommuniziert werden? Wurde die Partei gewählt, weil ihre bisherige Arbeit im Rat überzeugt hat? Die öffentlich einsehbaren Protokolle lassen daran Zweifel aufkommen.
Was also hat 772 Wahlberechtigte dazu bewegt, einer Partei ihre Stimme zu geben, die nicht verrät, wie sie konkret vor Ort etwas verändern möchte? Keine Maßnahmen, keine Mittel, keine Richtung. Die Antwort scheint zu sein: Spannung. Wie an Weihnachten – man weiß nicht, was kommt, aber man hofft auf etwas Gutes.
Doch die Überraschung war groß: Statt kommunalpolitischer Inhalte tauchten plötzlich Begriffe wie „ökoreligiöse Energiewende“ und „illegale Fremde“ auf – Schlagworte, die mit der Realität vor Ort wenig zu tun haben.
Danke, liebe 772. Jetzt habe ich verstanden: In Wadersloh wird Politik im ganz großen Stil gemacht. Offenbar reicht es, keine Angebote zu machen, einfach dagegen zu sein – und Schuldige zu benennen, die mit der Gemeinde wenig zu tun haben.
Natürlich gehört es zur Demokratie, andere Meinungen auszuhalten. Auch diesen Leserbrief. Aber sagt hinterher nicht, ihr hättet es nicht gewusst. Die Geschichte kennt diese Ausrede schon.“
(Über den Autor: Matthias Goß ist Lehrkraft an einer Förderschule und lebt in der Nähe von Koblenz. Er ist in Wadersloh aufgewachsen, hat dort die Schule besucht und seine Ausbildung absolviert.)
Leserbrief zur Kommunalwahl 2025 von der Gruppe ZIN19: Appell an die AfD-Wähler
„Der Ausgang der letzten Kommunalwahl muss jeden überzeugten Demokraten in unserer Gemeinde Wadersloh nachdenklich stimmen. In der über Jahrzehnte hinweg von demokratischen Parteien dominierten politischen Szene hinterlässt die vom Verfassungsschutz in Teilen als rechtsextremistisch eingestufte AfD einen so nicht zu erwartenden Fußabdruck. Über 770 Wähler gaben der AfD ihre Stimme!
Wie ist das zu erklären, zumal die AfD im Gegensatz zu allen anderen Parteien weder ein Wahlprogramm noch ihre Kandidaten öffentlich präsentierte? Was also haben diese 770 Wähler nur gewählt?
Das bisherige AfD-Ratsmitglied soll während der gesamten Wahlperiode keine Anträge gestellt und auch sonst inhaltlich keine Beiträge geliefert haben. Hervorgetan habe es sich durch Ablehnung der zur Abstimmung gebrachten Vorschläge. Hinzu kommt, dass ein führendes AfD-Mitglied unserer Gemeinde sich erst kürzlich bei einer Veranstaltung öffentlich in höchst rüpelhafter, unanständiger Weise gegenüber älteren Frauen geäußert hat. Kann unsere Gemeinde mit solchen Verhaltensweisen vorwärts gebracht werden? Wohl kaum! Solche Verhalten zeugen von einer äußerst pessimistischen, destruktiven Grundhaltung, die jegliche Entwicklungen unterbindet. Der ehemalige Bundespräsident Theodor Heuss sagte einmal: „Der einzige Mist auf dem nichts wächst, ist der Pessimist….“!
Vermutlich ließen sich diese AfD-Wähler von bundespolitischen Themen leiten und setzten aus Protest ihr Kreuz. Ihnen sei gesagt, es war eine „Kommunalwahl“, es geht um konkrete Dinge in unserer Gemeinde. Also……!!?
Wer sich trotzdem schlecht oder gar nicht vertreten fühlt, für den hält unser Grundgesetz im Artikel 17 das wohl stärkste aller Bürgerrechte bereit. Dort heißt es: … jedermann kann sich einzeln oder in Gemeinschaft mit anderen schriftlich mit Bitten, Anträgen oder Beschwerden an die zuständigen Stellen und die Volksvertretungen (also Parlamente) wenden. Dieses Recht dient dazu, die staatlichen Organe auf Probleme aufmerksam zu machen, die dann geprüft und mit einer Antwort versehen werden müssen! Von diesem Recht wird in unserer Gemeinde fast 10fach häufiger Gebrauch gemacht, als in vergleichbaren anderen Gemeinden, ist bei uns quasi kultiviert. In keiner anderen Staatsform ist den Bürgern jemals ein solches Petitionsrecht eingeräumt worden. Einen Musterantrag findet man unter www.zin19.de (Bürgerbeteiligung).
Darum unser Appell: Liebe AfD-Wähler, nutzen Sie ihr Recht, bringen Sie ihre Anliegen sachlich ein, unterstützen Sie damit unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung. Tragen Sie dazu bei, den Rechtsstaat zu stärken, der uns seit mehr als 80 Jahren Frieden sicherte – anstatt ihn durch destruktiven Protest zu schwächen.“
ZIN19
Steen Christensen, Wolfgang Kißler, Alfons Lüke, Paul Plümpe, Erwin Rennekamp, Richard Streffing
Hinweis der Redaktion: Leserbriefe spiegeln die persönliche Meinung der jeweiligen Autorinnen und Autoren wider. Wir veröffentlichen Zuschriften, um unterschiedliche Sichtweisen sichtbar zu machen und eine offene Diskussion zu fördern.

