Wadersloh (mw/bb). Ein Klassiker der Kriminalliteratur steht im Mittelpunkt der zweiten Folge unserer Sommeraktion „Lesen & Lauschen“: Agatha Christies „Mord im Orientexpress“. Das Werk der britischen Krimi-Queen begeistert seit 1934 Generationen von Leserinnen und Lesern und entfaltet gerade in der Ferienzeit seine volle Wirkung: Mitten im fahrenden Zug, fernab der Zivilisation, entspinnt sich ein Verbrechen, das kniffliger kaum sein könnte.
Die KÖB Wadersloh hat den Kultkrimi um Meisterdetektiv Hercule Poirot mit gutem Grund als Lese-Tipp ausgewählt: Die spannungsgeladene Geschichte, die vielen überraschenden Wendungen und das moralische Dilemma am Ende regen nicht nur zum Miträtseln, sondern auch zum Nachdenken an. Wir freuen uns, in dieser Woche eine Gast-Rezension von Zen Dyck (er/ihn) zu präsentieren.
Buchtipp der Woche: „Mord im Orientexpress“ von Agatha Christie (1934) – Ein Meisterdetektiv – entgültig getäuscht?
Ein Toter, 12 Verdächtige, noch mehr Konflikte und ein belgischer Mann mit Bart – eine Formel, die Christie zur Perfektion geschliffen hat. Auch dieses Mal gelingt es ihr, dem sagenumwobenen Hercule Poirot einen scheinbar unlösbaren Fall unter die Nase zu schieben. In einem fahrenden Zug wird ein Mann erstochen und alle Verdächtigen befinden sich an Bord. Bevor der nächste Bahnhof angefahren wird, muss unser Ermittler den Fall gelöst und den Mörder gestellt haben. So zumindest der Plan, aber jedes Indiz und jedes Alibi widerspricht sich. Sowohl Poirot als auch wir Lesenden finden den „scharlachroten Faden des Mordes“ nicht.
Doch nicht zu früh gefreut. Monsieur Poirot löst seine Kriminalfälle primär um des eigenen Vergnügens wegen, definiert Gerechtigkeit nach seinem Gusto: Wer der Täter ist, bestimmt Hercule Poirot. Und auch in dieser Geschichte ist es nicht anders. Auch wenn wir, die Leser*innen, von Christie eingeladen werden, den Fall Seite an Seite mit unserem Detektiv zu lösen, findet man vielleicht erst beim zweiten Lesen kleine Indizien, winzige Hinweise, die beim ersten Mal untergegangen sind. Die Kunst der Autorin besteht darin, uns die Lösung auf dem Papier zu reichen, aber nur ein wahrlicher Meister seiner Art kann alle Puzzleteile zusammenfügen und das klare Bild sehen.
„Mord im Orientexpress“ ist ein Roman über Täuschung, über Moral – und über das Bedürfnis nach Ordnung in einer unübersichtlichen Welt. Poirot wird nicht nur als Ermittler, sondern als moralischer Philosoph inszeniert, der die Leser*innen dazu bringt, ihre Urteile zu hinterfragen.
Rezension von Zen Dyck (er/ihn)
P.S.: Der „scharlachrote Faden des Mordes“ ist ein Zitat von Sherlock Holmes und bezieht sich darauf, dass ein wahrer Meisterdetektiv genau diesen roten Faden inmitten eines farblosen Knäuls finden, entwirren, isolieren und jeden Teil davon bloßlegen kann.
Öffnungszeiten der KÖB Wadersloh:
- Sonntag: 10:00–12:00 Uhr
- Mittwoch: 16:30–18:00 Uhr


