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    Gesundheit & Soziales

    Corona und die Jugend: Über Fairness und das Vergessenwerden [MW+]

    Jetzt reden die jungen Menschen!
    Benedikt BrüggenthiesBy Benedikt Brüggenthies25. Mai 2021Updated:26. Mai 2021Lesedauer: 8 Minuten
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    Wadersloh/Diestedde (mw/bb). Irgendwann im Frühjahr 2020. Als der Alltag noch so etwas wie normal war. Schule, Freizeit – Die Vorfreude auf die Wochenenden. Treffen mit Freunden nach der bestandenen Klausur. Nachmittags in Cafés sitzen, quatschen. Abends ins Kino. Bis zum Sonnenuntergang mit Freunden chillen und das Leben genießen. Dann kam Corona. 14 Monate sind seitdem vergangen und vor allem die Jugend musste immer wieder zurückstecken. Bis heute haben die jungen Menschen kaum eine Perspektive. In den Sommerferien sollen zumindest die älteren Schülerinnen und Schüler ein Impfangebot bekommen. Dann wäre die vollständige Immunität erst im Oktober erreicht und den jungen Menschen wird ein zweiter Sommer genommen. An den regulären Schulunterricht und einen normalen Alltag kann sich schon jetzt kaum noch jemand erinnern. „Man hat uns einfach vergessen“, sagen die vier Schülerinnen Hannah K. (15), Clara, Hannah W. (17) und Kira (16). Wir haben mit ihnen gesprochen und versuchen zu verstehen, wie sich die jungen Menschen in dieser Zeit fühlen.

    Wenn die eigenen vier Wände zum Arbeitszimmer werden

    Hannah K. (15) und ihre Schwester Clara (17)

    Die beiden Schwestern Hannah K. und Clara nutzen einen der wenigen regenfreien Abende im Mai für eine schnelle Runde Tennis vor der Haustür. Am Dorfrand von Diestedde sind die beiden Jugendlichen umgeben von Natur. Auf einer Wiese in der Nähe spielen Schafe und Ziegen und tollen unbeschwert umher. Sie lassen sich auch von den Tennisgeräuschen der beiden jungen Frauen nicht stören. Die Zeit an der frischen Luft gehört zu den wenigen Freizeitmöglichkeiten, die Hannah und Clara neben der Schule haben. Schule – das sind seit März 2020 vor allem die eigenen vier Wände. Während andere von Lockerungen und Urlaubsplanung oder über Impfprioritäten sprechen, loggen sich die Schülerinnen und Schüler mit ihrem Tablet-Computer bei dem Videokonferenzdienst „Zoom“ ein. Wechselunterricht ist vor allem Lernen auf Distanz – auch aus sozialer Sicht fehlt hier die echte Nähe zu anderen. Auch bei unserem Interview kommen Claras Mitschülerinnen Kira aus Sünninghausen und Hannah W. aus Langenberg nur „digital“ dazu, damit wir uns coronakonform unterhalten können. Eine schöne neue digitale Welt. Oder eher doch nicht?

    Vom Alleinsein in der Pandemie: „Ich brauche andere Menschen um mich herum“

    „Das war alles schon alles eine unheimlich lange Zeit und irgendwie sind die Monate einfach verflogen. Wir haben kaum Abwechslung und auch keine wirkliche Perspektive“, sagt Clara, die in die 10. Klasse des Gymnasiums in Wadersloh geht. Sie spricht aus, was auch ihre beiden Freundinnen und ihre jüngere Schwester denken. Hannah K. fehlt vor allem der Vereinssport. Die junge Diestedderin stand vor Corona jede Woche vier Mal auf dem Hockeyplatz. „Die sozialen Kontakte fehlen einfach und Training über Zoom ist halt eben auch kein Ersatz“, sagt die 15-Jährige.

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    Auch bei Hannah W. und Kira ist die Stimmung etwas gedrückt: „Der Wechselunterricht ist schon etwas einseitig. Hinzu kommt, dass unsere Gruppen geteilt sind, das macht es noch etwas schwieriger. Unsere Klasse sehen wir dann nur bei den Klausuren“, sagt Kira. „Ich brauche andere Menschen um mich herum. Den jungen Menschen geht es durch das Alleinsein schlechter und man ist auch bei den schulischen Anforderungen unmotivierter. Vor der Pandemie konnte man durch die Vereine einen Ausgleich schaffen. Nun spielen sich Schule und Freizeit fast nur noch vor dem iPad ab. Nur online zu sein macht irgendwann auch keinen Spaß mehr. Wir Jugendlichen werden zu wenig angehört und dabei sollten in unserem Alter eigentlich die Zeit unseres Lebens haben“, ergänzt Hannah W.

    Wir Jugendlichen werden zu wenig angehört und dabei sollten in unserem Alter eigentlich die Zeit unseres Lebens haben – Hannah W.  (17)

    Egal ob Kontaktsport oder Treffen mit ihren Freundeskreisen: Die digitalen Alternativen mögen aus Sicht der Erwachsenen eine gute Alternative sein, in der Realität sind sie es aber nicht: „Manchmal ist das Internet zu langsam und man kann sich maximal per Sprache unterhalten. Und bei Videokonferenzen sieht man die Hände nicht, kann die Gestik nicht erkennen. Und da nur einer gleichzeitig reden kann, entstehen echte Diskussionen meistens gar nicht. Es fehlt einfach ein richtiger Austausch“, sagen Hannah K. und Clara.

    Unsere Stimmen sollten auch gehört werden, aber wir werden einfach vergessen

    Was ihnen am meisten fehlt? „Abends mal länger rausgehen, sich mit Freunden treffen. Der Vereinssport. Es fehlt einfach eine Routine. Wir versuchen jede Möglichkeit zu nutzen, etwas anderes zu erleben und mal rauszukommen. Die Erwachsenen sagen ja oft, wie wichtig es ist, dass man Berufliches und Privates trennt. Das ist wirklich schwer, wenn der Schulunterricht von zuhause und aus dem eigenen Zimmer erfolgt“, sagt Clara.

    Während in den Medien über Impfprioritäten und Freiheiten für Geimpfte gesprochen wird, ist es für die Schülerinnen besonders schwer, zu verstehen, was da eigentlich gerade passiert. „Uns fehlt die Lobby. Wir können ja nicht mal demonstrieren – wie es viele Jugendliche vor Corona für das Klima getan haben. Unsere Stimmen sollten auch gehört werden, aber wir werden einfach vergessen. Freiheiten für Geimpfte? Das ist rechtlich sicherlich in Ordnung, aber aus Fairnessgründen nicht. Wir sind seit 14 Monaten zuhause und möchten andere Menschen schützen. Wir Jugendlichen können derzeit fast gar nichts machen. Uns fehlen die echten sozialen Kontakte. Es ist einfach anstrengend, dass wir immer zurückstecken müssen. Die verlorene Lebenszeit bekommen weder wir, noch unsere Großeltern zurück, die wir nur ganz selten besuchen konnten. Wir brauchen endlich eine Perspektive“, wünscht sich Clara.

    [… ] Uns fehlen die echten sozialen Kontakte. Es ist einfach anstrengend, dass wir immer zurückstecken müssen. Die verlorene Lebenszeit bekommen weder wir, noch unsere Großeltern zurück, die wir nur ganz selten besuchen konnten. Wir brauchen endlich eine Perspektive! – Clara (17)

    Der Unterricht an den Schulen im Kreis Warendorf findet derzeit im Wechselunterricht statt. Das kann sich von Woche zu Woche ändern. Ab Ende Mai könnte es wieder Unterricht in Vollpräsenz geben. Vor allem während der Klausurenphase ist das Lernen in Distanz alles andere als einfach. Die Prüfungen finden dann vor Ort statt. „Natürlich müssen Noten vergeben werden, aber irgendwie wünscht man sich doch, dass Schüler- und Elternverbände genauere Absprachen mit dem Schulministerium getroffen hätten. Vor den Klausuren wird getestet und wir sitzen alle auf Abstand. In Zeiten einer globalen Pandemie wäre es besser, wenn man stattdessen schriftliche Leistungen in Form von Hausarbeiten abfragen würde“, sagt Clara. Hannah pflichtet ihr bei: „Bei den Vorbereitungen sind Hilfestellung und Unterstützung via Zoom deutlich schwieriger.“ – „Das Problem ist, dass nicht nur die räumliche Distanz da ist, sondern auch eine geistige. Es fehlt an der Nähe. Durch die Distanz zu unseren Mitschülern kann man sich nicht gegenseitig helfen. Die Hemmschwelle ist einfach größer“, bewerten die Schwestern die derzeitige Situation.

    Die Vorfreude auf ein Stück Normalität und die Angst vor der Zukunft

    Die Schülerinnen wünscht sich mehr Freiheiten – besonders auch für die Jüngeren. Aus ihrer Sicht sind viele ihrer Altersgenossen bereit, sich impfen zu lassen. „Ich freue mich über den Präsenzunterricht und vor allem die Pausengespräche. Einfach mal über etwas anderes reden. Wir haben bisher immer viel Verständnis gehabt und wir wünschen uns, dass die politischen Entscheidungsträger einfach auch mal über der Gefühlswelt der Jugendlichen mehr Beachtung schenken“, fordert Kira. „Der demografische Wandel, der Klimawandel und Klimaflüchtlinge, die Folgen von Corona und unser eigenes Berufsleben: Ich denke, dass man schon von so etwas wie Zukunftsangst sprechen kann“, sagt Clara. Auch Hannah W. sieht das ähnlich: „Wir sind eigentlich gerade die großen Verlierer. Es wäre schön, wenn man Jugendliche mehr in die Politik einbindet. Wir sind schließlich die Zukunft und die Politik sollte bei den Entscheidungen mehr auf uns achten!“

    Wir sind eigentlich gerade die großen Verlierer. Es wäre schön, wenn man Jugendliche mehr in die Politik einbindet. Wir sind schließlich die Zukunft und die Politik sollte bei den Entscheidungen mehr auf uns achten! – Hannah W. (17)

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    Die Politik plant das Impfen der Ü16-Jährigen nach der Zulassung des Impfstoffs von Biontech zu den Sommerferien. Wie es aber bis dahin weitergeht? Das wissen die Schülerinnen noch nicht genau. An den Wechselunterricht und das Lernen auf Distanz haben sie sich gewöhnt. Das Fehlen der sozialen Kontakte ist und bleibt das größte Problem: Lange Gespräche mit ihren Freundinnen und Freunden, einfach unbeschwert rausgehen und das Leben genießen. Eine Radtour in den Nachbarort zum Eisessen. Hoffentlich ist das alles bald wieder möglich. Eines haben die vier Jugendlichen trotz der schweren Zeit übrigens nicht verlernt: Ihren Optimismus beizubehalten – auch wenn es manchmal schwerfällt und es manchmal frustrierend ist. Dafür gebührt den Jugendlichen Respekt und Anerkennung. Also das, was die Schülerinnen und Schüler eigentlich auch von der Politik erwartet hätten.

    Anmerkung: Diese Reportage ist eine Momentaufnahme. Aufgrund der dynamischen Pandemieentwicklung, können sich manchen Begebenheiten schnell ändern. Die Interviews wurden am 19. Mai 2021 geführt. Die Namen der Schülerinnen sind aus Datenschutzgründen und zur besseren Unterscheidung der beiden Hannahs abgekürzt.

    Foto/Text: mw/bb.

    Corona Distanzunterricht Impfung Jugend Schule
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