„Wir sind eine Familie“ – Wie in Diestedde die Integration gelebt wird

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Ein Wegweiser aus Holz direkt vor dem Eingang ist der Stein des Anstosses: In alle vier Himmelsrichtungen geht es wahlweise zum „Friedhof“, „Krematorium“, „Leichenhalle“ oder zum „WC“. Bei dem Eingang handelt es sich um eine Flüchtlingsunterkunft und Passanten missverstehen das Schild. Aufgestellt hat es Familie Westermann, die dafür als „rechtsradikal“ bezeichnet wurde, dabei ist genau das Gegenteil der Fall. Das Schild gehört zu einer Halloween-Dekoration und bei den Vorbereitungen haben auch auch die Nachbarn aus Syrien mitgeholfen.

Nicht fremdenfeindlich, sondern fremdenfreundlich!

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Auch der Zaun ist schon für Halloween präpariert

Sonja Westermann kann die ganze Aufregung nicht verstehen. Auf der Straße sei sie angesprochen worden auf das „unpassende Schild“ und auch ein Telefonat gab es. „Das sei alles rechtsradikal“, sagt Westermann und ist traurig über die Reaktion einiger Diestedder. „Natürlich hatten wir damals Bedenken, als es hieß, dass bei uns im Haus Flüchtlinge einziehen soll. Aber die waren sehr schnell verflogen. Wir wussten nicht, was da auf uns zukommt, aber wir haben unsere neuen Nachbarn als sehr freundlich und zuvorkommend kennengelernt.“ Ausgerechnet die Frage nach einem Wischmop brach vor einigen Monaten das Eis zwischen den neuen Nachbarn. „Zu dem Zeitpunkt haben wir uns noch mit Händen und Füßen verständigt und den Jungs einfach einen Besen rausgebracht“, schmunzelt Sheyleen Westermann. Seitdem lebt die Familie die Integration.

Gemeinsame Gartenparty stärkt die Freundschaft zwischen den neuen Nachbarn

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Liam freut sich schon auf die Halloween-Party

Häufig stehen gemeinsame Unternehmungen auf dem Programm. Besonders mit Wisam und Maher verbindet die Familie inzwischen eine enge Freundschaft.So entstand auch die Idee einer gemeinsamen Gartenparty. „Jetzt zur Herbstzeit lag es da auf der Hand, dass wir eine gemeinsame Halloweenparty feiern wollen. Darum haben wir den ganzen Garten entsprechen geschmückt“, sagt Sonja Westermann. In Syrien kennt man Halloween nicht, doch Wisam und Maher waren froh, dass sie mitanpacken durften. An Kreativität mangelte es jedenfalls nicht: Rot funkelnde Augen, Hexenköpfe, Skelette (natürlich aus Plastik) und der Sensenmann fühlen sich seit einigen Tagen im Garten heimisch.

Oberstes Ziel ist das Lernen der Sprache

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Die Sprache lernen steht für Maher an erster Stelle. Sheyleen hilft ihm dabei

Auch Sheyleen und Liam Westermann verbringen gerne Zeit mit den Nachbarn. Maher ist zwar erst seit wenigen Monaten in Diestedde, spricht aber schon sehr gut Deutsch. Jeden Tag lernt er gemeinsam mit Sheyleen und kann sich inzwischen schon gut verständigen. Liam freut sich, dass er nach der Schule mit Wisam jemanden hat, mit dem er Fußball spielen kann. „Alle reden immer von Integration – wir leben sie“, darin ist sich Familie Westermann einig. „Als meine Tochter Geburtstag hatte, standen unsere Nachbar sogar mit einem selbstgebackenen Kuchen vor der Tür. Das fand ich sehr rührend“, ergänzt Sonja Westermann.

Das Holzschild vor dem Eingang bleibt!

„Wir sind wie eine Familie“: Sonja, Liam und Sheyleen Westermann mit ihren Nachbarn Wisam (oben) und Maher

Ende Oktober wird es eine gesellige Halloween-Party mit allem drum und dran geben. Es soll dann gemeinsam gekocht werden. Nicht nur deutsches Essen, sondern auch arabisches. Das ist inzwischen zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Bis dahin soll auch noch mehr Deko gebastelt werden und auch das Schild am Eingang wird bleiben: „Wir schreiben jetzt noch die Entsprechungen auf arabisch darunter und legen noch einen großen Kürbis dazu!“ – So ganz verflogen ist der Ärger über die Anmerkungen von Passanten noch nicht. Manchmal wird Integration aber auch erst auf dem zweiten Blick erkannt.

Text/Bilder: B. Brüggenthies


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Gründer & Chefredakteur von Mein-Wadersloh.de

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