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„Das geht auf keine Kuhhaut“: Neue Studioausstellung im Museum rund um mittelalterliche Schreibkunst

Liesborn (mw/bb). Wie lebten die Menschen im Mittelalter? Wie verbrachten sie ihre Zeit? Was ist ihr Vermächtnis? Fast jeden Tag haben wir mit Büchern zu tun. Im Mittelalter waren diese ein absolutes Luxusgut. Bevor es den Buchdruck gab, befassten sich die Mönche und Nonnen in den Klöstern mit dem Gestalten dieser besonderen Kulturgüter. Für die Anfertigung einer Prachtbibel war es nicht unüblich, dass rund fünf Jahre bis zur Fertigstellung verging und dass dazu eine ganze Schafsherde benötigt wurde. Dr. Alice Selinger befasst sich tagtäglich mit der Faszination Mittelalter. Die promovierte Kunsthistorikerin konzipiert Wanderausstellungen über Themen längst vergangener Zeiten, die bis heute nachwirken. Bis zum 8. November 2020 ist die Studioausstellung „Im mittelalterlichen Skriptorium“ der Gastkuratorin als Teil der mehrteiligen Ausstellung „Das Liesborner Evangeliar und die Schreibkunst des Mittelalters“ im Museum Abtei Liesborn zu bestaunen

Schon im Eingangsbereich überrascht das Treppenhaus des Museums mit großformatigen Stoffbahnen, die Auszüge aus den ersten Seiten der vier Evangelien des Liesborner Evangeliars präsentieren. Die neue Ausstellung überrascht mit vielfältigen Eindrücken und fasziniert mit der eindrucksvollen Handwerkskunst des Schreibens. Vor hunderten von Jahren waren es die Schreibmönche, die maßgeblich zur Verbreitung der Schrift beitrugen. Wer heute ein E-Book-Reader in Händen hält, ist weit von der Wertigkeit der beeindruckenden und handgefertigten Bücher des Mittelalters entfernt.

„Ich habe mich schon immer mit Buchmalerei befasst und bin beeindruckt von den Farben, die auch nach 1000 Jahren noch leuchten“, erzählt Dr. Alice Selinger. Wie wurden die Farben hergestellt, wie wurde die Tinte produziert und haltbar gemacht? Die Ausstellung widmet sich nicht nur der Schreib- und Buchkunst, sondern versucht auch die Rohstoffe zu zeigen. Die Bearbeitung des kostbaren Pergaments war ein zeitintensiver Prozess, für den auch schon mal ganze Schafsherden benötigt wurden. Pinsel aus Eichhörnchenhaar, Gänsefedern und das unabdingbare Messer eines jeden Schreibermönchs zur Korrektur von Fehlern. Der Schaffensprozess fasziniert bis heute.

Wenn man die historischen Gemäuer der einstigen Benediktinerabtei zu Liesborn betritt, kann man förmlich erahnen, wie die Mönche und Nonnen einst die Schreibkunst hier ausübten. Bücher waren wertvolle Gegenstände, die oftmals als Auftragsarbeiten für den Adel hergestellt wurden. Die Ausbildung für diese Fertigkeit war hart, das Wissen wurde mündlich weitergegeben. Das Lesen und Schreiben stand in den Klosterregeln des Ordensgründers Benedikt von Nursia hoch im Kurs. Genauso hoch im Kurs standen die Mineralien und Pflanzen, aus denen die leuchtenden Farben hergestellt wurden. Auf langen Handelswegen fanden sie den Weg in die Klöster und waren wertvoller als Gold.

Ergänzt wird die Studioausstellung von einem museumspädagogischen Angebot, welches Volontärin Saskia Timmas verantwortet. Bevor das Liesborner Evangeliar im kommenden Jahr die Blicke auf sich ziehen wird, zelebriert das Museum Abtei Liesborn die Kunst des Schreibens. Die Museumsbesucher dürfen auch selbst zu Tinte und Kalligrafiefeder greifen und selbst das Schreiben ausprobieren. Kurz und kompakt wird zudem Wissenswertes zur kleinen Weltreise des Evangeliars bis zu seiner Rückkehr nach Liesborn vermittelt. Und auch die Hintergründe zur Entstehung werden anschaulich vermittelt.

Die Vorabausstellung zur Rückkehr des Evangeliars ist
ab dem 13. September 2020 geöffnet.

Bildergalerie: Preview zur Studioausstellung

Fotos/Text: Brüggenthies


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Gründer & Chefredakteur von Mein-Wadersloh.de

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